Situationistische Internationale: Über das Elend im Studentenmilieu

Die Schmach noch schmachvoller machen, indem man sie publiziert

Bei dem folgenden Text handelt es sich um eine auf die Analyse der gesellschaftlichen Position der Studenten zusammengekürzte Version eines 1966 von mit der Situationistischen Internationale1 sympathisierenden Straßburger Studenten herausgebrachten Pamphletes. Der vollständige Originaltitel lautet: Über das Elend im Studentenmilieu – Betrachtet unter seinen ökonomischen, politischen, sexuellen und besonders intellektuellen Aspekten und über einige Mittel diesen abzuhelfen. Der Druck der ersten Auflage von etwa zehntausend Exenmplaren wurde von der Nationalen Union der französischen Studenten (UNEF) und dadurch letztlich mittels staatlicher Gelder finanziert. Während die für den Druck verantwortlichen Studenten teilweise exmatrikuliert wurden, erlangte der Text weltweit an Universitäten und in studentischen Organisationen Verbreitung. Er wurde unter anderem ins Englische, Deutsche und Japanische übersetzt und gilt als ein wichtiger Anstoß für die weltweiten Studentenproteste des Jahres 1968. Die längere Originalversion enthält neben einer konkreten Analyse der politischen Situation der Studenten und ihrer Verbindung mit der Arbeiterbewegung u.a. in Frankreich, den USA und Japan weitere Betrachtungen über jugendliche Subkulturen („Rocker“ und „Provos“), sowie über die Möglichkeiten und Ziele einer internationalen revolutionären Bewegung. Sofern im folgenden Text Begriffe situationistischer Gesellschaftskritik vorkommen, wird versucht in von der Redaktion ergänzten Fußnoten ein Grundverständnis der Begriffe zu ermöglichen.

Ohne große Gefahr, uns zu irren, können wir behaupten, dass der Student in Frankreich nach dem Polizisten und dem Priester das am weitesten verachtete Wesen ist. Wenn auch die Gründe für seine Verachtung oft falsche sind, die aus der herrschenden Ideologie stammen, sind die Gründe dafür, dass er vom Standpunkt der revolutionären Kritik aus wirklich verachtungswürdig ist und verachtet wird, verdrängt und uneingestanden. (…)

Alle Analysen und Studien über das Studentenmilieu haben bisher das Wesentliche vernachlässigt. Sie gehen nie über den Standpunkt der universitären Spezialisierung hinaus (Psychologie, Soziologie, Ökonomie) und bleiben so grundsätzlich falsch. (…) Der Faktenfetischismus2 verhüllt die wesentliche Kategorie und die Details lassen die Totalität3 vergessen. Über diese Gesellschaft wird alles gesagt, nur nicht das was sie wirklich ist: eine Gesellschaft der Ware und des Spektakels4. (…)

Die Inszenierung der Verdinglichung5 zum Spektakel (Originalfußnote 2: Selbstverständlich gebrauchen wir die Begriffe Spektakel, Rolle usw. im situationistischen Sinn.) innerhalb des modernen Kapitalismus zwingt jedem eine Rolle in der generalisierten Passivität auf. Der Student entgeht diesem Gesetz nicht. Es ist eine provisorische Rolle, die ihn auf die endgültige vorbereitet, die er als positives und bewahrendes Element im Warensystem erfüllen wird. Nichts anderes als ein Einführungsritus.

Diese Einführung hat auf magische Weise zu allen Kennzeichen der mythischen Einführung zurückgefunden. Sie bleibt völlig von der historischen, individuellen und gesellschaftlichen Wirklichkeit abgeschnitten. Der Student ist ein Wesen, das zwischen einem gegenwärtigen und einem zukünftigen Status steht, die säuberlich voneinander getrennt sind, und deren Grenze mechanisch überschritten wird. Sein schizophrenes Bewußtsein erlaubt es ihm, sich innerhalb einer „Einführungsgesellschaft“ zu isolieren, seine Zukunft zu verkennen und sich am Erlebnis der mystischen Einheit zu berauschen, die ihm von einer vor der Geschichte geschützten Gegenwart angeboten wird. Der Hebel für die Umkehrung der offiziellen Wahrheit, d.h. der ökonomischen, kann so einfach entlarvt werden: es ist hart, der studentischen Realität ins Gesicht zu sehen.

Innerhalb einer „Überflußgesellschaft“ hat der Student den gegenwärtigen Status einer äußersten Armut. Obwohl mehr als 80% von ihnen aus Bevölkerungsschichten stammen, deren Einkommen das eines Arbeiters übersteigt, verfügen 90% von ihnen über weniger Mittel als der einfachste Lohnempfänger. Das studentische Elend bleibt hinter dem der Gesellschaft des Spektakels zurück, hinter dem neuen Elend des neuen Proletariats. In einer Zeit, wo ein wachsender Teil der Jugend sich immer mehr von den moralischen Vorurteilen und der familiären Autorität befreit, um so früh wie möglich in die Beziehungen einer offenen Ausbeutung einzutreten, bleibt der Student auf jeder Ebene auf einer verantwortungslosen, folgsamen und „verlängerten Unmündigkeit“. Während seine verspätete jugendliche Krise ihn etwas in Opposition zu seiner Familie bringt, so akzeptiert er ohne weiteres, in den verschiedenen Institutionen, die sein alltägliches Leben regeln, wie ein Kind behandelt zu werden. (Original Fußnote 3: Wo ihn keiner anscheißt, tritt man ihm in den Arsch.)

(…)

Aber die Gründe für unsere Verachtung des Studenten sind ganz anderer Art. Sie betreffen nicht nur sein wirkliches Elend, sondern seine Gefälligkeit gegenüber jedem Elend, seine ungesunde Neigung, glückselig Entfremdung6 in der Hoffnung zu konsumieren, angesichts allgemeiner Interessenlosigkeit das Interesse auf seinen eigenen Mangel zu lenken. Der moderne Kapitalismus bewirkt zwangsläufig, dass der größte Teil der Studenten ganz einfach zu kleinen Kadern wird (d.h. das Äquivalent für den Facharbeiter im 19. Jahrhundert) (Originalfußnote 4: Aber ohne das revolutionäre Bewußtsein; der Arbeiter hatte nicht die Illusion des Aufstiegs.). Gegenüber dem elenden, leicht vorauszuahnenden Charakter dieser mehr oder weniger nahen Zukunft, die ihn für das schmachvolle „Elend der Gegenwart“ entschädigen soll, zieht der Student es vor, sich seiner Gegenwart zuzuwenden, und sie mit illusorischem Prestige auszuschmücken. Die Kompensierung selbst ist allzu kläglich; der Morgen wird kein roter Morgen sein und zwangsläufig in der Mittelmäßigkeit schwimmen. Deshalb flieht er in eine unwirklich gelebte Gegenwart.

Wie ein stoischer Sklave glaubt der Student sich umso freier, je mehr alle Ketten der Autorität ihn fesseln. Genau wie seine neue Familie, die Universität, hält er sich für das gesellschaftliche Wesen mit der größten „Autonomie“, während er doch gleichzeitig und unmittelbar von den zwei mächtigsten Systemen der sozialen Autorität abhängt: der Familie und dem Staat. Er ist ihr ordentliches und dankbares Kind. Nach derselben Logik eines untergeordneten Kindes hat er an allen Werten und Mystifikationen des Systems teil und konzentriert sie in sich. Was einst den Lohnabhängigen aufgezwungene Illusionen waren, wird heute zu einer von der Masse der zukünftigen kleinen Kader verinnerlichten und getragenen Ideologie.

(…)

Da für ihn noch einige Krümel vom Prestige der Universität abfallen, freut sich der Student immer noch, Student zu sein. Zu spät. Der mechanisierte und spezialisierte Unterricht, den er empfängt, ist ebenso heruntergekommen (im Verhältnis zum früheren Niveau bürgerlicher Allgemeinbildung) (Originalfußnote 5: Wir sprechen hier nicht von der Ecole NS. oder den Sorbonneärschen, sondern von den Enzyklopädisten oder der Hegels.) wie sein eigenes intellektuelles Niveau im Augenblick seines Studienantritts, aus der einzigen Tatsache heraus, dass das alles beherrschende ökonomische System die Massenhestellung ungebildeter und zum Denken unfähiger Studenten verlangt. Der Student ignoriert, dass die Universität zu einer – institutionalisierten – Organisation des Unwissens geworden ist, dass die „hohe Kultur“ selbst sich im selben Tempo wie die Serienproduktion von Professoren auflöst, dass alle Professoren Kretins sind, von denen die meisten sich vor jedweder Gymnasialklasse blamieren würden. Er hört seine Lehrer auch weiterhin mit Respekt, mit dem bewußten Willen, jeden kritischen Geist aufzugeben, um sich besser mit den anderen in der mystischen Illusion einig zu fühlen, „Student“ geworden zu sein, jemand, der sich ernsthaft damit beschäftigt, sich ein ernsthaftes Wesen in der Hoffnung anzueignen, man werde ihm auch die letzten Wahrheiten anvertrauen. Das sind die Wechseljahre des Geistes. (…)

Dem Studenten wird nicht einmal bewußt, dass die Geschichte auch seine lächerliche „abgeschlossene“ Welt verändert. Die berühmte „Universitätskrise“, Detail einer allgemeineren Krise des modernen Kapitalismus, bleibt Gegenstand eines tauben Dialogs zwischen verschiedenen Spezialisten. In ihr kommen ganz einfach die Schwierigkeiten einer verspäteten Anpassung dieses besonderen Produktionssektors an die Umwandlung des gesamten Produktionsapparates zum Ausdruck. Die Überreste der alten Ideologie einer liberal-bürgerlichen Universität werden in dem Augenblick nichtssagend, wo ihre gesellschaftliche Basis verschwindet. Die Universität konnte sich in der Epoche des Freihandelskapitalismus und seines liberalen Staates als autonome Macht verstehen, da er ihr eine gewisse marginale Freiheit gewährte. Sie hing in Wirklichkeit eng von den Bedürfnissen dieser Art von Gesellschaft ab: der privilegierten studierenden Minderheit eine angemessene Allgemeinbildung zu vermitteln, bevor sie sich wieder in die herrschende Klasse einreiht, die sie kaum verlassen hatte. Daher das Lächerliche an diesen nostalgischen Professoren (Originalfußnote 6: Da sie nicht wagen, sich auf den philisterhaften Liberalismus zu berufen, erfinden sie den Bezug zu Universitätsfreiheiten des Mittelalters, der Epoche der „Demokratie der Unfreiheit“.), die darüber verbittert sind, ihre alten Funktionen als Hofhunde der zukünftigen Herren für die viel weniger edle von Schäferhunden eingetauscht zu haben, die die „Weiße-Kragen“-Herren in ihre jeweiligen Fabriken und Büros treiben. Gerade sie setzen ihre Altertümlichkeit der Technokratisierung der Universität entgegen und fahren unbeirrt fort, mit den übriggebliebenen Brocken einer sog. Allgemeinbildung künftige Spezialisten zu füttern, die damit nichts anzufangen wissen.

(…)

Seine äußerst ärmliche ökonomische Lage verurteilt den Studenten zu einer sehr wenig beneidenswerten Form des Überlebens. Aber immer mit sich zufrieden erhebt er sein triviales Elend zu einem originellen „Lebensstil“: kultivierte Armut und Boheme. Die „Boheme“, die bereits weit davon entfernt ist, eine originelle Lösung zu sein, wird nur nach einem endgültigen und unabänderlichen Bruch mit dem Universititsmilieu echt gelebt werden. Ihre Anhänger unter den Studenten (und alle kokettieren damit, es ein wenig zu sein) klammern sich also lediglich an eine künstliche und heruntergekommene Version dessen, was bestenfalls nur eine mittelmäßige individuelle Lösung ist. Damit verdienen sie sogar die Verachtung von alten Damen auf dem Lande. (…) Innerhalb des Spielraums individueller Freiheit, der durch das totalitäre Spektakel erlaubt wird, und trotz seines mehr oder weniger flexiblen Stundenplanes ignoriert der Student immer noch das Abenteuer und zieht die ihm knapp bemessene alltägliche Raumzeit vor, die für ihn von den Wächtern desselben Spektakels eingerichtet worden ist.

Ohne dazu gezwungen zu sein, trennt er von sich aus Arbeit und Freizeit, wobei er eine scheinheilige Verachtung für die „Büffler“ und diejenigen an den Tag legt, die „den Scheinen nachjagen“. (…)

Aber das wirkliche Elend des studentischen Alltags findet seinen unmittelbaren und fantastischen Ausgleich in seinem hauptsächlichen Opium: der kulturellen Ware. Im kulturellen Spektakel findet der Student ganz natürlich seinen Platz als respektvoller Schüler wieder. Nahe am Ort der Produktion, aber ohne ihn jemals zu betreten – das Heiligtum bleibt ihm untersagt – entdeckt der Student die „moderne Kultur“ als bewundernder Zuschauer. In einer Epoche, wo die Kunst tot ist, bleibt er nahezu allein den Theatern und Filmklubs treu und der gierigste Konsument ihres Leichnams, der tiefgekühlt und zellophanumhüllt in den Supermärkten an die Hausfrauen des Überflusses verteilt wird. Er nimmt ohne Vorbehalt, ohne Hintergedanken und ohne Distanz daran teil. Da ist er in seinem natürlichen Element. Wären die „Häuser der Kultur“ nicht vorhanden, der Student hätte sie erfunden. Er bestätigt vollkommen die banalsten Marktanalysen amerikanischer Soziologen: ostentativer7 Konsum, Differenzierung in der Werbung zwischen Produkten gleicher Nichtigkeit (…).

In seiner Beflissenheit wähnt er sich zur Avantgarde gehörig, weil er den letzten Film Godards gesehen, das letzte argumentistische (Originalfußnote 10: Über die argumentistische Gang und das Eingehen ihres Organs siehe das 1963 von der S.I. verteilte Flugblatt „In die Mülleimer der Geschichte“.) Buch gekauft, beim letzten Happening Lapassads, dieses Arschlochs, mitgemacht hat. Dieser Ignorant hält den blassesten Ersatz alter Experimente, die in ihrer Epoche wirklich wichtig waren und für den Markt versüßt worden sind, für „revolutionäre“, durch Markenzeichen garantierte Neuheiten. Die Hauptsache ist immer, seinen kulturellen Standard zu wahren. Der Student ist wie jedermann stolz darauf, die Taschenbuchausgaben einer Reihe wichtiger und schwieriger Texte zu kaufen, die die „Massenkultur“ in beschleunigtem Rhythmus auf den Markt wirft. (Originalfußnote 11: Hier kann man nur die Lösung empfehlen, die von den Intelligentesten schon praktiziert wird: die Bücher zu stehlen.) Nur kann er nicht lesen. Er begnügt sich damit, sie mit den Augen zu konsumieren.

(…) Denn der Student kann gegen nichts rebellieren, ohne gegen seine Studien zu rebellieren und er spürt die Notwendigkeit dieser Rebellion weniger natürlich als der Arbeiter, der spontan gegen seine Lage rebelliert. Aber der Student ist ein Produkt der modernen Gesellschaft, genau wie Godard und Coca-Cola. Seine extreme Entfremdung kann nur durch die Kritik der ganzen Gesellschaft kritisiert werden. Keinesfalls kann diese Kritik auf dem studentischen Gebiet vollzogen werden: der Student als solcher maßt sich einen Pseudowert an, der ihm verbietet, sich seiner wirklichen Enteignung bewußt zu werden und er bleibt damit auf dem Gipfel des falschen Bewußtseins. Aber überall dort, wo die moderne Gesellschaft kritisiert zu werden beginnt, bricht eine Revolte der Jugend los, die unmittelbar einer totalen Kritik des studentischen Verhaltens entspricht.

(…)

Es genügt nicht, dass der Gedanke zur Verwirklichung drängt, die Wirklichkeit muß sich selbst zum Gedanken drängen.

(…)

Auszüge aus der Internen Diskussion um den Abdruck des Textes:

(…)

A: Kurz zu meinem Verständnis des Textes: Zunächst einmal handelt es sich dabei ja um 
ein historisches Dokument. Das gibt eine gewisse Distanz zu dem Text: Ihn abzudrucken
heißt noch nicht, ihm zuzustimmen, sondern zunächst einmal nur, ihn zu präsentieren.
Gleichzeitig ist es langweilig, einen solchen Text nur zu präsentieren um des Präsentieren 
Willens, das wäre ein gleichgültiges musealisieren. Ich denke jedoch, dass der Text an 
vielen Stellen immer noch eine enorme und überraschende Aktualität hat, gerade an den 
Stellen, an denen er mit der von dir beschriebenen Verachtung Aussagen über die Studenten 
trifft.
Darum bin ich dafür, ihn im Hinblick auf unser Thema zurechtzukürzen und damit zuz
uspitzen. Interessant finde ich dabei unter anderem den Punkte mit der revoltierenden
Attitüde bei gleichzeitiger Abhängigkeit von Familie und Staat. Ein Punkt, der zumindest
in Teilen auch auf uns selbst zutrifft.

B: Zur revoltierenden Attitüde bei gleichzeitiger Abhängigkeit von Familie und Staat:
Ich denke ein entscheidender Punkt ist hier die Unterscheidung zwischen Attitüde und 
Bewusstsein. Wenn jemand eine rebellische Persönlichkeit zur Schau trägt und in dieser 
Inszenierung nicht sieht wie sehr er den gesellschaftlichen Gesetzen und Ideologien
gehorcht, dann ist das traurig und blöd. Wenn jemand dagegen mit einem 
gesellschaftskritischem Bewusstsein durch die Welt rennt und sich als Kritiker oder 
Aktivist versteht – eben weil man eine entschiedene Kritik an den Verhältnissen hat - 
dann habe ich da keine grundsätzliche Kritik dran zu üben. Natürlich checkt man nicht 
jede Ideologie und verfällt im Alltag oft einigen ideologischen Maschen, z.b. wenn man
sich beim Flirten als supertoller und schlauer Gesellschaftskritiker gibt (ähä...kenn ich..
ähm aus Erfahrung). Einen Teil dieser ideologischen Maschen wird man hinterher oder 
währenddessen b­emerken, einen Teil nicht, man ist eben nicht perfekt. Und zu denen,
die man bemerkt, kann man sich entweder so stellen, dass man versucht sie ab sofort zu
ändern oder man sieht eben ein, dass die Änderung dieser ideologischen Verhaltensweise 
den Aufwand nicht wert ist, weil sie mir und anderen keinen großen Schaden zufügt.

(…)

A: Eine Kritik an Bildung(-ssystemen) sollte immer auch ihre eigene Herkunft und 
Position in bzw. aus diesem Bildungssystem bedenken, die ihr ja erst diese Kritik
ermöglicht. Der Text bietet Anknüpfungspunkte für eine solche Selbstreflexion, wobei 
die (historische) Distanz es dem Leser überlässt, ob er tatsächlich daran anknüpft, oder
nicht.

B: Hier habe ich eine andere Einschätzung: wenn mir jemand eine Kritik am 
Bildungssystem vorlegt, dann schau ich mir die Argumente an und versuche 
nachzuvollziehen, ob die stimmen oder nicht. Ob der Kritiker ein Student, ein Priester
oder ein Kapitalist ist, ist für das Prüfen der Kritik erstmal nicht relevant. 
Selbst wenn man eine Analyse zur Funktion des Bildungssystems für 
Einzelkapitale/Unternehmen vorlegt, schaut man doch eigentlich nicht auf den Schreiber 
dieser Analyse und schaut, ob er nun Unternehmer ist oder was anderes, sondern man
sieht sich die Argumentation an und entscheidet dann anhand der Argumente, ob die
Analyse Sinn macht oder nicht. Ich denke gerade aus der wissenschaftlichen Distanz, 
die man zum Gegenstand der Analyse einnehmen muss - man will ja schließlich seine
objektiven Bestimmungen und nicht nur die subjektiven Erlebnisse, die man mit dem 
Untersuchungsgegenstand verbindet – versteht man hinterher besser, was es bedeutet 
Student hier und heute zu sein. Aber ich sehe nicht die Notwendigkeit vorab das Verhältnis 
von Autor zu Untersuchungsgegenstand zu klären und danach erst den Gegenstand zu 
analysieren.
(...)

(…) Fußnoten:

1Einer in den 50er Jahren gegründeten, u.a. aus der künstlerischen Gruppe der Lettristen hervorgegangenen politisch-künstlerischen Organisation.

2Der Begriff Faktenfetischismus denunziert hier Vorgehensweisen, denen der Glaube, allein mit Hilfe von „einfachen“ Daten und Fakten sowie daraus gewonnener Gesetzmäßigkeiten gesellschaftliche Zusammenhänge zu erkennen, vorgeworfen wird. Als problematisch wird daran vor allem das Fehlen eines größeren begrifflich-theoretischen Rahmen kritisiert. Vgl. auch der Positivismus-Streit in der Soziologie.

3Verstanden als Gesamtheit der gesellschaftlichen Beziehungen und Verhältnisse sowie der ihr zugrunde liegenden materiellen Voraussetzungen und sie bestimmenden Gesetze und Logiken.

4Der Begriff des Spektakels ist der Kernbegriff situationistischer Gesellschaftskritik und bezeichnet einen weiterentwickelten Zustand des Kapitalismus u.a. vor dem Hintergrund der sogenannten Dienstleistungsgesellschaft. Das Spektakel bezeichnet dabei sowohl den Zustand der Gesellschaft im Ganzen, als auch Teilbereiche wie beispielsweise die Kulturindustrie sowie letztlich eine Veränderung in der Struktur der Ware selbst. Er setzt die Marxsche Bestimmung der Ware als Tausch- und Gebrauchswert voraus. Ausgehend von der Annahme, dass der Gebrauchswert der Waren in einer Gesellschaft, die sich durch zunehmenden materiellen Reichtum auszeichnet, sinkt, wird die zunehmende Verwandlung der Ware zum Bild festgestellt. Konsumiert wird nicht mehr ein benötigter Gebrauchswert, sondern ein Image, eine Marke, die Erlebnisse verspricht, die mit dem Kauf bereits erlebt und erledigt sein sollen. Dieser zunehmende Konsum vorgefertigter Erfahrungen wird zur hauptsächlichen Handlungs- und Erlebnisweise der Subjekte in der spektakulären Gesellschaft. Strukturen werden passiv erlebt, es wird versucht ihren Anforderungen zu entsprechen anstatt eine aktive Gestaltung dieser Strukturen zu versuchen. Dabei kann Passivität in diesem Zusammenhang durchaus einen Zustand höchster (körperlicher) Aktivität beschreiben. Als Beispiel dafür mag vielleicht das Verhalten auf einem Rummelplatz gelten. Eine ausführliche Ausarbeitung des Begriffs des Spektakels sowie seine Anwendung auf Raum, Zeit, Stadt, Kultur und Geschichte findet sich in Guy Debords Buch: Die Gesellschaft des Spektakels.

5 Verdinglichung bezieht sich bei den Situationisten auf einen Begriff des marxistischen Theoretikers György Lukács de Szeged (Georg Lukács). Er bezeichnet u.a. einen Zustand, in dem menschliche Beziehungen und Erlebnisse hauptsächlich an Dinge gebunden oder als von Dingen bestimmt betrachtet werden (→ verdinglichtes Bewusstsein). Lukács führt die Verdinglichung zurück auf die gesellschaftliche Arbeitsteilung und den Warenverkehr als vorherrschende Form menschlichen Austausches. Beispielsweise erscheint beim Kauf einer Ware der Preis als eine dem Kaufobjekt zugehörige Eigenschaft, obwohl er das Ergebnis der Produktions- und Austauschverhältnisse ist. Da diese jedoch letztlich menschengemachte Verhältnisse sind, erscheint im Preis eine menschliche Beziehung verdinglicht als Eigenschaft einer Sache.

6Entfremdung bezeichnet bei Karl Marx zunächst einmal lediglich, dass der Arbeiter, der ein Produkt als Ware produziert, sich von seinem eigenen Produkt entfremdet, da ihm dieses später im wirtschaftlichen Austausch als fremden Gesetzen unterworfenes entgegentritt. Darüber hinaus findet in kapitalistischen Gesellschaften als notwendiges Ergebnis der Produktionsweise auch eine Entfremdung zwischen den Menschen sowie zwischen Mensch und Natur statt.

7 Besonders zur Schau gestellt und auf Beachtung berechnet

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