Zur Reform von Forschung & Lehre I

Warum richtet der Staat Forschung und Lehre ein?

 [Thomas Gerber]

Der wichtigste Rohstoff unseres Landes liegt in den Köpfen der Menschen. Ihn zu fördern ist Aufgabe der Hochschulen.“1

Die deutschen Hochschulen sind im Umbruch. In den letzten Jahren erlebten sie die größte Reform seit den 60ern/ 70ern und ein Ende der Umbaumaßnahmen ist immer noch nicht in Sicht. Wer als heutiger Student mit älteren Semestern und Absolventen spricht, bekommt ganz andere Erfahrungen vom Studium zu hören als die heute gängigen. Wo früher noch viele junge Menschen das Studium als eine Art selbstgeleitete Bildungs- und Experimentierzeit begriffen haben, wird den Studenten heute vielerorts in den Einführungsveranstaltungen von Beginn an klar gemacht: das Studium ist vom Arbeitsaufwand her mit einem Job zu vergleichen und genauso ernsthaft anzugehen.

Dieser Umbruch lässt sich nun leicht mit ein paar Stichwörtern umreißen, so haben etwa schon die meisten in diesem Zusammenhang von der Exzellenzinitiative, den mittlerweile fast überall umgesetzten Bachelor und Master-Abschlüssen, von Drittmitteln, Studiengebühren und mit Sicherheit von dem Schlagwort schlechthin gehört: Innovation.

Was aber soll das Ganze? Warum wird reformiert? Und vor allem: Wer reformiert denn da was? Im Folgenden wollen wir diesen Fragen nachgehen. Sie beziehen sich zwar auf die Bundesrepublik, doch sind die Gründe für die aktuellen Reformen von Forschung und Lehre in den meisten westlichen Demokratien die selben und gerade in Europa stecken einige andere große Wirtschaftsmächte in einer ähnlichen Lage wie die BRD. In Teil I soll zunächst mal grundlegend bestimmt werden, warum sich der deutsche Staat überhaupt Forschung und Lehre einrichtet und in Teil II gilt es dann die aktuelle Reform zu verstehen.

Warum wird reformiert?

Die Unzufriedenheit der Politik

Zunächst einmal lässt sich sagen, dass der Grund des ganzen Reformierens in der Unzufriedenheit der Politik liegt. Die politischen Entscheidungsträger der Bundesrepublik klagten über die Leistungsschwäche der deutschen Wissenschaft und des höheren Ausbildungswesens: „die Situation in deutschen Wissenschaftseinrichtungen [hat] gezeigt, dass die gesetzlichen Rahmenbedingungen für Forschung und Lehre nicht mehr zeitgemäß waren und der Wettbewerbsfähigkeit auf internationaler Ebene entgegenstanden“.2

Die Funktion, die die wissenschaftliche Forschung und Ausbildung dabei für das Land zu erfüllen hat, ist für die Politiker ebenso eindeutig wie anspruchsvoll, ob das nun gegenwärtig die Bundesregierung um Angela Merkel ist, oder noch 1998 diejenige um Gerhard Schröder, die den Bologna-Prozess entschieden vorangetrieben hat:

Innovation, Wissenschaft und Technik sind von zentraler Bedeutung für die künftigen Lebenschancen der Bürgerinnen und Bürger. Forschung, Qualifikation und neue Technologien bestimmen mit über die Zukunft von Arbeit und Umwelt und über die Wettbewerbsfähigkeit der Volkswirtschaft. “3

Die Entscheider der Reform und die Ausführenden

An dieser Stelle schon soll eine allseits bekannte und doch umso wichtigere Beobachtung festgehalten werden: der Ausgangspunkt des ganzen Umbaus der Hochschulen und wissenschaftlichen Einrichtungen liegt in einem kritischen Urteil der Politik und eben nicht der Wissenschaft. Es waren nicht die Professoren, nicht die Verwaltungsangestellten an den Universitäten, nicht die Studenten und auch nicht das wissenschaftliche Personal, das die tiefgreifendste Veränderung der deutschen Wissenschaftslandschaft in den letzten Jahrzehnten beschlossen hat, sondern ganz und allein eine außerwissenschaftliche Instanz: die politischen Machthaber. Natürlich sind die Universitäten und Studenten des Landes nicht ganz ohne jeglichen Einfluss. So garantiert etwa die Hochschulautonomie den Universitäten einen gewissen Spielraum bei der Umsetzung der Reformen und auf der anderen Seite waren die bundesweiten Studenteproteste gegen die Reform auch ein Ereignis, auf das die Parteipolitiker mit Sorge blickten und auf das sie reagieren mussten.4 Die Entscheidung jedoch, dass überhaupt eine Reform stattfindet und wie deren formale Vorgaben aussehen, wurde allein von den politischen Amtsinhabern getroffen und mittels Gesetzen wirksam gemacht.

Dies ist für sich schon Grund genug zur Kritik: es ist allemal ein absurder Zustand, wenn all die in der höheren Ausbildung und Wissenschaft Tätigen kein Wort über die Zielrichtung und Strategie ihrer Arbeit mitzubestimmen haben und sich hinterher mit den Beschlüssen und Vorgaben konfrontiert sehen.

Wissenschaftliche Wettbewerbsfähigkeit für die ökonomische

Hierzu muss man sich klarmachen, dass die Kritik der Politik dabei auch keine an den Inhalten der wissenschaftlichen Forschung ist. Ihr Maßstab ist bekanntermaßen nicht die Wahrheit der Forschungsergebnisse und Lehrinhalte, sondern, in den Zitaten ist es schon zwei Mal gefallen: es kommt auf die viel beschworene Wettbewerbsfähigkeit an.

Zum einen ist damit nun die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wissenschaft im internationalen Wissenschaftssystem gemeint, zum anderen die Wettbewerbsfähigkeit der nationalen Wirtschaft auf dem Weltmarkt. Die Rechnung, welche die Bundesregierung dabei macht, ist ganz einfach und genauso bekannt: eine Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Hochschulwesens soll zu einem besseren Abschneiden der deutschen Wirtschaft im internationalen Geschäft führen.5

Forschung und Lehre werden also offenkundig nicht einfach um ihrer selbst willen betrieben, sondern, so wie in jeder Gesellschaft, richten sie sich nach den in ihr herrschenden Zwecken und das bedeutet hier eben: sie sollen sich als Mittel der nationalen Wirtschaftsförderung gegen die Konkurrenten weltweit bewähren. Nach diesem Zweck begutachten Bund und Länder die Wissenschaftseinrichtungen und nach diesem Kriterium wird deren Leistung bewertet. Die Politik schaut daher nicht, ob die wissenschaftlichen Ergebnisse richtig sind, sondern allein der Blick auf das nationale Wirtschaftswachstum und das Abschneiden im Vergleich zu den anderen großen Industrienationen reicht aus, um zu sagen: das, was die Wissenschaft bisher leistet, ist nicht wettbewerbfähig genug, führt nicht zu der erwünschten Steigerung des Bruttoinlandsprodukts. Das Ergebnis dieser politischen Bewertung fiel also mangelhaft aus: das deutsche Wissenschaftssystem benötigte dringend einer Überarbeitung, um endlich wieder die gewünschte Leistung zu erbringen.

Die internationale Bildungskonkurrenz

Wissenschaft als Mittel für den Erfolg am Markt

Was aber bedeutet es nun, wenn sich Deutschland als Wissenschaftsstandort in der internationalen Konkurrenz behaupten muss?

Auch in diesem Fall ist es kein Geheimnis, dass es weltweit einen offenen Wettkampf um die besten (Nachwuchs-)Wissenschaftler, die besten Universitäten, die Anzahl der Nobelpreise wie auch die Menge an Patenten und akademischen Veröffentlichungen gibt, die ein Staat für sich verbuchen kann. Jede Regierung, die etwas auf sich hält, beansprucht mit ihren höheren Bildungseinrichtungen und Wissenschaftlern einen Spitzenplatz im globalen Wissenschaftssystem einzunehmen, die deutsche ist da beileibe keine Ausnahme. Auf der Internetpräsenz des Bundesministeriums für Bildung und Forschung ist etwa unter der Rubrik „Wissenschaft“ ganz zentral mit der größten Selbstverständlichkeit der Slogan platziert: „Für die internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wissenschaft und Forschung“.

Wieso aber ist international betrachtet der Fortgang der Wissenschaft solch eine erbitterte Konkurrenz-Angelegenheit? Warum liegt der Maßstab im relativen Abschneiden zu anderen nationalen Wissenschaftssystemen und nicht in der Richtigkeit und Nützlichkeit der wissenschaftlichen Ergebnisse für das Zusammenleben der Menschen?

Jeder Nationalstaat hat die gleiche Stellung zu dem von ihm eingerichteten Wissenschaftssystem: als Wirtschaftsmächte, die auf dem globalisierten Markt gegeneinander antreten, möchten sie alle ihre Forschung und Lehre gerade darauf trimmen, sich als Motor für das nationale Wirtschaftswachstum zu bewähren. Durch den Fortschritt ihres nationalen Wissenschaftsbetriebs relativ zu den anderen soll sich ihren Plänen zufolge dann die Steigerung des nationalen Geschäftsvolumens gegen die anderen Nationalökonomien auf dem Weltmarkt einstellen.6 So hatte sich die EU im Zuge der 1999 angestoßenen Bologna-Reform (dazu mehr in II.) vorgenommen im Zeitraum von nur 10 Jahren zum „wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt“ zu werden.

Nicht zuletzt gilt eine international anerkannte Wissenschaft als Ausweis der Leistungsfähigkeit eines Landes, wie auch als Beitrag zur Förderung nationaler Identität – doch auch hierzu unten mehr.

Die Leistungen nun, welche die Staaten von ihren Wissenschafts- und höheren Bildungseinrichtungen erwarten und wonach sie diese dann auch einrichten sind dabei konkret die folgenden:

  • Bereitstellung der benötigten Menge an Fachkräften für den Bedarf von Staat und Wirtschaft7

    Der größte Teil der höher qualifizierten Arbeitskräfte, die später von Unternehmen oder auch vom Staat selbst beschäftigt werden, erhalten ihre Ausbildung an den Universitäten des Landes. Diese erfüllen einen wichtigen Auftrag: sie haben für die Qualifikation der späteren Fachkräfte und Entscheidungsträger des Landes zu sorgen. Von ihrer Leistung hängt es ab, ob den deutschen Unternehmen und dem Staat in Zukunft die richtige Menge an gut qualifizierten Leuten zur Verfügung steht. Dies umfasst also die ganze Breite an höheren Berufen, die in dieser Gesellschaft vorkommen: Lehrer, Richter, Journalisten, Psychologen, Ingenieure, Ärzte etc.

    [siehe hierzu auch den Artikel von Harry Aldous Rain]

  • Durch Wissensvorsprünge den unternehmerischen Gewinn vergrößern

    Wenn man sich die Veröffentlichungen des Bundesministeriums für Bildung und Forschung oder auch die Aussagen der führenden Politiker des Landes zur Wissenschaft anschaut, so fällt einem auf, dass zwei Begriffe in aller Munde ist: Wissensvorsprünge und Innovationen. Auf diese käme es insbesondere an.

    Was aber bedeutet das? Mit Wissensvorsprüngen ist ein Wissensfortschritt gegenüber anderen Ländern gemeint, der sich entweder direkt in konkurrenzlosen Produkten (weil eben noch keiner diese Technik hat) oder in neuen Produktionsverfahren niederschlägt, die es einem erlauben ein Produkt zu günstigeren Preisen und in höheren Mengen als die anderen Anbieter zu verkaufen.

    Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hierzu:

    „Bei Produktinnovationen kann der Innovationserfolg in Umsatzanteilen mit neuen Produkten, mit Sortiments- oder mit Marktneuheiten gemessen werden. Als Indikatoren für den Erfolg von Prozessinnovationen werden Kostenreduktionen und Qualitätsverbesserungen betrachtet, die durch die neuen Prozesse erreicht werden konnten. “8

    Die möglichst schnelle Verwertung von neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen bezeichnen Staat und Politik als „Wissens- und Technologietransfer“ und gerade dieser Beschleunigung des Übergangs von Wissenschaft zu Wirtschaft lässt die gegenwärtige Bundesregierung besonders viel staatliche Förderung zukommen.9

    Diese Vermittlung von wissenschaftlichen Entdeckungen zu unternehmerischen Produkten läuft jedoch nicht ausschließlich über Patente, die vor ihrer Anmeldung streng geheim entwickelt werden und dann einmal als Patent angemeldet über Jahre hinweg nur vom Inhaber des Patents angewendet, d.h. nutzbar gemacht werden dürfen. Allein schon dadurch, dass die späteren Beschäftigten der Entwicklungsabteilung eines Unternehmens eine wissenschaftliche Ausbildung an der Spitze der Forschung durchlaufen haben, trägt sich das Wissen der Wissenschaft in die Marktwirtschaft. Deshalb hat der Staat auch ein Interesse daran, dass es zum internationalen Austausch mit hochrangigen Wissenschaftseinrichtungen kommt, zumal dadurch auch persönliche Kontakte zur Elite anderer Länder geknüpft werden.

    Die Härte an diesem Umgang mit Wissen ist nun, dass es in diesem Wirtschaftssystem nicht auf Wissen an sich, sondern gerade auf Wissensvorsprünge ankommt. Wissen zählt nur, wenn es exklusiv ist und sich als solches dann dazu eignet den Profit zu vergrößern. Wo ist das Problem?

    Exklusiv bedeutet hier, dass man in Besitz einer Technik ist, die es einem erlaubt etwas zu verkaufen, was noch kein anderer auf dem Markt anbietet – oder aber es handelt sich um eine Technik, die die Produktion beschleunigt und verbilligt, so dass man in gleicher Zeit mehr Produkte als andere Unternehmen herstellen kann. Diese lassen sich dann auch mit einem niedrigeren Preis als das Konkurrenzprodukt auf den Markt tragen, womit man mehr Käufer auf sich ziehen kann.

    Mit all dem ist zugleich gesagt, dass es bei neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht einfach darauf ankommt das Leben der Menschen zu vereinfachen und durch die Produktivitätssteigerung der Arbeit die Belastung der arbeitenden Bevölkerung zu senken. Im Gegenteil: technische Neuerungen führen allzu oft zu Entlassungen – es reicht dann eine verringerte Belegschaft für die gleiche Produktionsmenge wie bisher – und stellen die Leute dann vor die Unannehmlichkeiten der Arbeitslosigkeit. Und selbst wenn zur Herstellung eines besonders absatzstarken Produkts zusätzliche Leute eingestellt werden, so führt die Produktivitätssteigerung der Arbeit nie zu einem weniger anstrengenden Arbeitstag. Schließlich kommt es darauf an, aus Geld mehr Geld zu machen, und wenn man sich dann schon als Unternehmer Arbeitskräfte einkauft, dann müssen sich diese als rentabel erweisen. Also lässt man sie so viel wie möglich arbeiten.

    Wissensvorsprünge braucht der Staat also wie sich gezeigt hat als Kampfmittel im globalisierten Wettbewerb, um diese nicht zum gemeinsamen Wohle der Menschen, sondern gerade gegen andere Produzenten einzusetzen.

  • Entwicklung von Technologien für den Bedarf des Militärs

    Nicht zuletzt dient die nationale Forschug und Lehre der Stärkung des eigenen Militärs. Dies geschieht weniger häufig ausdrücklich durch Waffenforschung, als viel häufiger durch Forschungsarbeiten an jenen „dual use“-Technologien, die im zivilen Bereich genutzt werden können, auf die jedoch auch das Militär Zugriff hat und dies natürlich dann gemäß seinen Zwecken und Aufträgen macht. Die Bundeswehr selbst betreibt zudem an ihren beiden Universitäten militärische Forschung, doch auch schon dadurch, dass ausgebildete Naturwissenschaftler und Ingenieure in Rüstungskonzernen oder als qualifizierte Fachkräfte technisch anspruchsvolle Aufgaben in der Bundeswehr selbst übernehmen, leistet die Wissenschaft ihren Dienst für das nationale Militär. Ein aktuelles Beispiel für die enge Verzahnung von Wissenschaftsbetrieb und Militär ist die Debatte um die Bremer Stiftugsprofessur des Rüstungskonzerns OHB.10

    Den Staaten kommt es schließlich darauf an, sich um ihre militärische Potenz zu kümmern, da diese für sie bekanntlich eine wichtige Grundlage ihres Gewaltmonopols ist. Zudem dient sie oft als Drohgebärde und/oder Verhandlungsbasis in diplomatischen Angelegenheiten.

  • Pflege der nationalen Identität

Eine ebenso wichtige Leistung der Wissenschaft liegt in der Pflege der nationalen Kulturgüter. Es ist ein besonderes Anliegen  des Staates durch die institutionalisierte Beschäftigung mit den Werken und der Geschichte seines Landes und Volkes eine nationale Identität zu stiften.11

Vom Sinn und Zweck der Nischenfächer

Abschließend hierzu noch ein Hinweis zu den sogenannten „Orchideenfächern“: dies sind kleine Nischenfächer wie z.B. Christliche Ärcheologie oder Tibetologie, die scheinbar um des reinen Wissens willen betrieben werden und für Wirtschaft und Staat so gut wie kaum handfesten Nutzen haben. Wieso werden diese dann überhaupt aufrecht erhalten? Steht dies im Widerspruch zu den obigen Ausführungen zum Nutzen der Wissenschaft für Wirtschaft und Staat?

Dazu muss man nun zum einen anmerken, dass diese Fächer auch tatsächlich in Nischen stecken, somit auch wenig kosten und daher tatsächlich eine Ausnahme darstellen. Zum anderen jedoch gilt die Aufrechterhaltung von solch exotischen Studien als Prädikat der Stärke und Größe eines Wissenschaftssystems. Es sagt soviel aus wie: Schaut her, wir können es uns leisten sogar solche Forschung zu betreiben, die weit abseits der ökonomisch und staatlich wichtigen Fragen der Tagesordnung steht.12 Nicht zuletzt können selbst diese Nischenfächer irgendwann aufgrund von neuen Ereignissen und Entwicklungen zu größeren und gefragten Studiengängen ausgebaut werden, so etwa die Sinologie oder auch die Medizinethik in den letzten Jahren.

Kritik am Wissen nach staatlichem & kapitalistischem Maß

Um es nochmal zusammenzufassen: Die Kritik, die hier entwickelt wurde, richtet sich nicht allgemein gegen die Anwendung von Wissen für gesellschaftliche Zwecke, sondern gerade gegen die in unserer Gesellschaft herrschende kapitalistische und staatliche Nutzung des Wissens. Es kommt hierzulande eben auf für Staat und nationale Wirtschaft nützliches Wissen und dementsprechend zweckgemäße Wissensvermittlung an. Wie dargelegt, ist dies eine ziemlich traurige Angelegenheit: es kommt darauf an permanent neues Wissen (→ Innovationen, Wissensvorsprünge) zu produzieren, das kein anderer hat und dessen Verwertung deshalb ein lohnendes Geschäft verspricht. Die Entscheidung darüber, welches Wissen angewandt wird, hängt dann auch nicht vom gesellschaftlichen Bedarf ab, sondern liegt in der Einschätzung von Einzelunternehmen, ob die Anwendung des jeweiligen Wissens genug Profit abwirft oder nicht. Wenn es um die akademische Ausbildung geht, dann kommt es darauf an, solche Leute auszubilden, die später in der Lage sind die verschiedenen Funktionen einer großen Volkswirtschaft im internationale Wettbewerb zu erfüllen. Der politische Maßstab wie auch die Entschuldigung in Richtung der Betroffenen ist stets „der globale Wettbewerb“, dem sich alle Einrichtungen und Menschen unterzuordnen haben und für den es sich anzustrengen gilt. Wenn die Bundesregierung auf ihrer Homepage also sagt, dass der wichtigste Rohstoff des Landes in den Köpfen der Menschen liegt, dann ist klar, dass die Köpfe der Menschen für fremde Zwecke Leistung erbringen sollen und ihre Bedürfnisse hier erstmal nicht zählen.

 Fußnoten:

1 Zu finden unter: http://www.bundesregierung.de unter Themen/Bildungsrepublik/Studium

2Bildungsministerium für Bildung und Forschung (BMBF) 2001: „Die deutschen Hochschulen auf dem Weg ins 21. Jahrhundert. An unseren Hochschulen bewegt sich was“, S. 9.

3Aus dem Koalitionsvertrag zwischen SPD und Die Grünen 1998, S. 24.

4Sie taten es, indem sie den Protest so auslegten, als deckte er sich mit ihren Zielen und ihrer Kritik am Bildungswesen oder aber sie taten die Protestierenden als „Ewiggestrige“ ab, um sie als politisch nicht tragbar abzutun.

5Diese Rechnung kann nun gar nicht mit Notwendigkeit aufgehen. Die Wissenschaft ist immer nur Voraussetzung für den Geschäftserfolg der nationalen Unternehmen. Sie alleine macht noch keine Gewinne, da sie auch keine Produkte auf dem Markt absetzt. Es hängt immer von der Entscheidung der Unternehmen ab, ob sie sich wissenschaftliche Erkenntnisse zu eigen und daraus dann ein verkäufliches Produkt machen.

6Die überall stattfindende internationale Kooperation von Wissenschaftseinrichtungen ist dabei kein Widerspruch hierzu: Durch Zusammenarbeit mit weltweit anerkannten Instituten verbessert man schließlich seine Stellung in der scientific community und hat auch bessere Aussichten auf Anteile an bahnbrechenden Forschungsergebnissen. Auf einen weiteren Aspekt der Kooperation wird weiter unten eingegangen.

7„Die Bildungspolitik des Staates muss deshalb auch sicherstellen, dass auf dem Arbeitsmarkt genügend ausgebildete Fachkräfte verfügbar sind, und zwar einerseits, was die Anzahl betrifft, andererseits hinsichtlich der Qualität, also bezogen auf die technischen und wirtschaftlichen Anforderungen der modernen, globalisierten Wirtschatswelt.“

Aus: Bundeszentrale für politische Bildung: „Das Lexikon der Wirtschaft. Grundlegendes Wissen von A bis Z“, Bonn 2004, S. 103f.

8BMBF: „Bundesbericht Forschung und Innovation 2010“, Kurzfassung, S. 47.

9Vor allem im Pakt für Forschung & Innovation (dazu später mehr): „Neben der frühzeitigen und systematischen Identifizierung zukunftsweisender Forschungsgebiete, der Nachwuchsförderung, der organisationsübergreifenden Vernetzung und der Internationalisierung sind der Wissens- und Technologietransfer sowie nachhaltige Partner- schaften mit der Wirtschaft wesentliche Ziele des Paktes.“

Aus: BMBF 2010: „Bundesbericht Forschung und Innovation 2010“, Kurzfassung, S. 14.

11Siehe etwa im Koalitionsvertrag von CDU/CSU und FDP 2009, S.66: „Wir werden die Geistes- und Sozialwissenschaften stärken, die von großer Bedeutung für unser kulturelles Gedächtnis und die Gestaltung unserer Zukunft sind.“

12Siehe auf sueddeutsche.de: „Die Fächer seien „gut in der Lehre, teilweise Spitze in der Forschung und absolut unverzichtbar für unsere Unis und unsere Gesellschaft“, sagt [der nordrhein-westfälische] Wissenschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP). Für Traditionsuniversitäten gehörten Orchideenfächer zum Selbstverständnis und würden „eher ausgebaut“.“ Abrufbar unter http://www.sueddeutsche.de/karriere/orchideenfaecher-an-der-uni-mal-museum-mal-geheimdienst-1.143014

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