„Der Fortschritt schlägt in den Rückschritt um.“

Die folgenden Protokolle beziehen sich auf einen Adorno-Lesekreis, der derzeitig stattfindet. Diese werden hier chronologisch hochgeladen. Wir freuen uns auf eine Diskussion (Kommentarfunktion).

I Vorrede

1ter & 2ter Absatz, S. 16 f. (von „Als die Arbeit […]“ bis „vollends vereiteln“)

Hier wird vor allem die mit der Dialektik der Aufklärung gesetzte Aufgabe Horkheimers und Adornos deutlich – nämlich eine Antwort auf die Frage, „warum die Menschheit, anstatt in ein wahrhaft menschlichen Zustand einzutreten, in eine neue Art von Barbarei versinkt“ (16). Der Lesekreis einigte sich darauf, dass mit dem „menschlichen Zustand“ der Kommunismus als emanzipatorische Verwirklichung menschlicher Freiheit gemeint ist. Aber schon hier stellt sich eine noch unbeantwortbare Frage: Was meinen die Autoren mit dem Ausdruck „Barbarei“? Vor allem mit dem Attribut „eine neue Art“ legen die Autoren nahe, dass es sich beim Faschismus um einen qualitativen Bruch mit der bürgerlichen Vergesellschaftung handelt, welcher dennoch aus dieser erwächst: Im Sinne von: ‚Wer vom Faschismus reden will, sollte vom Kapitalismus nicht schweigen, auch wenn beide sich in ihrer Qualität nicht decken.‘

Die Formen (Staat, Geld, Wissenschaftsform, objektive Gedankenformen etc.) gesellschaftlicher Verhältnisse, in welche der Inhalt (abstrakte Arbeit) gegossen ist, und deren Darstellung, welche im vorliegenden Werk erfolgt, sind zwei nicht trennbare Vorhaben. Zweitere kann laut den Autoren aber nicht unabhängig vom „gegenwärtigen Bewusstsein“ (16) erfolgen. Alleinige Kritik und Fortführung fachlicher Lehren (bei Horkheimer/Adorno in Soziologie, Psychologie & Erkenntnistheorie als die Lehren des menschlichen Handelns und Verhaltens) reichen nicht mehr aus. Offene Fragen: Herrschte dieser Sachverhalt früher nicht? Warum hat sich dieses verändert? Das „gegenwärtige Bewusstsein“ ist zur Zeit des Werk-Erscheinens vom positivistischem Geiste durchdringt, was eine Veränderung des Wissenschaftsbegriffs zur Folge hat. Ein paar Sätze später wird annährend deutlich, was die Autoren mit dem gegenwärtigen Bewusstsein meinen; es ist das warenförmige Denken: Der Gedanke wird zur Ware und die Sprache (betroffen also auch die Darstellung von Horkheimer/Adorno) zu deren Anpreisung. Selbst diejenigen, die sich kritisch auf die bürgerliche Vergesellschaftung bzw. dem Faschismus – ausgedrückt bspw. in der Kulturindustrie als ein Teil der „Dialektik der Aufklärung1 – beziehen, obliegen den warenförmigen Gedankenformen. Für die kritische Theorie bedeutet dieses in der Konsequenz, dass man sich auf keinen öffentlichen2 Standpunkt gesellschaftlicher Auseinandersetzung positiv beziehen kann – auch „der Baum, der blüht, lügt“ (Minma Moralia), d.h. selbst Kritik an gesellschaftlichen Verhältnissen muss auf ihre eigenen Bedingungen reflektieren, um nicht im falschen Ganzen integriert zu werden, d.i. kritische Theorie. So ist – abstrakt formuliert – die Aufgabes der kritischen Theorie das Denken der bloßen Negativität gesellschaftlicher Verhältnisse, um nicht in Ideologie (Position) überzugehen. Zwei Fragen blieben noch einigermaßen vage beantwortet und diese gilt es somit zu verfolgen:

Was heißt Positivismus? – Erst einmal das Denken in Faktizitäten ohne Annahme objektiver Tendenzen (die Herrschaft des Allgemeinen über das besondere Moment). Letztere werden vom Positivismus als metaphysische Entitäten verworfen.

Was bedeuten warenförmige Gedankenformen? – Erst einmal: Der Warentausch impliziert die Abstraktion vom Inhalt. Für die Gedanken bedeutet dieses die Aufgabe des Wahrheitsanspruchs zugunsten des Relativismus‘ – somit die Verdinglichung derer, oder: Die Entfremdung zwischen denkenden Subjekt und vorgefertigten Gedankenformen (bspw. Widerspruchsfreiheit), in denen der Inhalt sich geltend macht bzw. geltend gemacht wird.3 Mit dem bürgerlichen Wissenschafsbetrieb geht es vielmehr um die Nutzanwendung des Wissens, der Tauschwert des Ware Gedanke rückt in den Mittelpunkt (siehe Naturwissenschaften & Technik sowie Gesellschaftwissenschaften & herrschaftliche Verwaltung). Somit ist das gegenwärtige Bewusstsein ein äußerliches.

Zum Begriff der kritischen Theorie anhand von Marx: Die Darstellung widersrsprüchlicher und somit unvernünftiger gesellschaflicher Verrhältnisse ist gleichzeitig deren Kritik?!

Horkheimer & Adorno geben an, dass es sich bei dem vorliegenden Werk um eine Vereinigung von Fragmenten (Odysseus, Juliette, Kulturindustrie & Antisemitismus) handelt. Wäre dieses nicht so, so die Interpretation des Lesekreises, könnte man die hier behandelten Gegenstände systematisch ableiten – dieses steht im Widerspruch zum Begriff der Gesellschaft, die immer intentionales Handeln der Menschen impliziert: Natur im Widerspruch zur Geschichte, auch wenn dieser im Fetisch aufgehoben ist. Dennoch gibt es sehr wohl eine Verbindung zwischen den oben genannten Fragmenten: Diese auf die Spur zu kommen ist weitere Aufgabe des Lesekreises.

1Die Studien zur „Dialektik der Aufklärung“ erfolgten seinerzeit in den Vereinigten Staaten. Die These von den Autoren – um einen Teil vorauszunehmen – ist es, dass der deutsche Faschismus und die Kulturindustrie (Hollywood usw.) ähnlichen objektiven Mechanismen obliegen.

2Wenn die Öffentllichkeit einen Zustand erreicht hat, in dem unentrinnbar der Gedanke zur Ware und die Sprache zu deren Anpreisung wird […].“ (17) Diskutiert wurde ebenfalls an diesem Punkte, dass damit das Private (die Trennung zwischen öffentlich und privat ist selber Produkt bürgerlicher Verhältnisse) zur Bedingung der Möglichkeit von Kritik im Sinne der Kritischen Theorie wird. Der Gedanke muss sich an der Öffentlichkeit bewähren wie die Ware an der gesellschaflich notwendigen Arbeitszeit.

3Allein die Aussage „Jede_r hat eine eigene Wahrheit“ zeigt schon die Abstraktion vom Inhalt, d.h. hier geht es um Gedankenformen. Der Wahrheitsbegriff, wie er hier angelegt ist, unterscheidet sich von dem Kantischer Couleur. Nach Kant gibt es feststehende Gedankenformen (Kausalität …), nach denen gedacht werden muss, um wahre Urteile zu fällen. In der kritischen Theorie besteht kein innertheoretischer, logisch konsistenter Wahrheisbegriff, er ist immer auf ein Material (Die Herrstellung emanzipatorischer Verhältnisse) bezogen.

3ter & 4ter Absatz, S. 17 f. (von „Wären es nur […]“ bis „[…] Widerstands beraubt“)1

1Begriffsklärungen:

Infamie = eine Art Dreistigkeit

Ursurpieren = vereinnahmen (negativ konnotiert)

 Der erste Satz des dritten Abschnitts schließt sich eines früheren Gedankens an: Es geht um die selbstvergessene Wissenschaft, ihre Instrumentalisierung für einen äußeren Zweck. Sie, die Wissenschaft, steht somit im Gegensatz zum Anspruch der „aufmerksamen Pflege und Prüfung der wissenschaftlichen Überlieferungen“ (S. 16), wie die Autoren ihn vorher formulierten. Nun stellt sich hier die Frage, wie das Verhältnis der Selbstvergessenheit gestellt ist: Zensiert sich die Wissenschaft selber oder wird es ihr aufoktroyiert? – Unsere Interpretation ist die Erstere, denn würde es ein bloß äußerliches Verhältnis sein, so könnte man sich als kritische Person einfach der oppositionellen Seite widmen; dieses wird von den Autoren negiert, da auch die Opposition dem „Gesamtprozeß der Produktion“ notwendigerweise anhängt, d.h. sie müssen sich mit ideologischen Gedankenformen auf Ideologie beziehen – ein Widerspruch, der zu denken wäre.2

Produktion ist Aneignung der Natur durch die menschliche Arbeit innerhalb und vermittels einer bestimmten Gesellschaftsform, wodurch der materielle Zusammenhang der Menschen untereinander entwickelt wird.

(Marx-/Engels-Begriffslexikon)

Anhand des Zitats wird deutlich, dass beide – die offizielle und oppositionelle Seite – gleichermaßen vergesellschaftet sind; nicht sie bestimmen über die bestimmte Gesellschaftsform, sondern etwas ihnen Verselbstständigtes, der Produktionsprozess als solcher („motorisierte Geschichte“ (S.17)). Ändert sich dementsprechend die Ideologie, so auch diejenigen, die sich auf diese beziehen. Als Beispiel einer oppositionellen Wissenschaft wurde der historische Materialismus sowjetischer Coleur genannt, wobei dies spekulativ bleibt und sicherlich nicht das einzige Beispiel sein kann; die Lesegruppe geht davon aus, dass Adorno hier ganz bewusst auf einer höheren Abstraktionsebene bleibt, um allgemeine Verhältnisbestimmungen zu machen.

Die „motorisierte Geschichte“ ist ein Allgemeines, welches Theorie für sich vereinnahmt. Sichtbar wird das anhand des Aufklärungsprozesses als geschichtliches Ereignis im 18. & 19. Jahrhundert, welcher mit einer „Metarmorphose[n] von Kritik in Affirmation“ (S. 17) zu beschreiben wäre. Denn indem der Gedanke als Mittel für eine konstruktive Praxis begriffen wurde, zählt nicht mehr der Gedanke (hier: das „kritische Element“ dessen) als solcher („seine Wahrheit verflüchtigt sich“ (S.17)), sondern seine Eignung für einen äußerlichen Zweck: Aus der Kritik am feudalen Wesen wurde reine Naturbeherrschung. Was mit reiner Naturbeherrschung gemeint ist, wird sich noch zeigen.

Die Autoren nennen ein Beispiel (vor allem in der 1944er Ausgabe), anhand dessen das Gemeinte nochmals deutlich wird: Eine rechtsradikale Gruppe in Frankreich dieser Zeit namens Action francaise hantierten mit den theoretischen Ausarbeitungen (Enzyklopädien) der französischen Frühaufklärer (wie bspw. Diderot) bzw. mit deren Rezeption bei Comtes3, obwohl letztere doch gegen jene gearbeitet hatten (Herrschaftskritik). Somit wird Theorie beständig liquidiert, indem selbst Kritik für das falsche Ganze integriert wird – kritische Theorie muss sich dagegenstellen. Dennoch bleibt – um im Beispiel zu bleiben – Comtes selber „allem die Hand“ (S.17), d.h. nimmt ebenso aktiv an der oben beschriebenen Metarmorphose teil.

Im vierten Abschnitt geht es zum ersten Mal explizit um die Kulturindustrie. Die These ist, dass die Erfahrungen des Subjekts schon von vornherein durch die Kulturindustrie in eine ganz bestimmte Richtung präperiert werden. Die Autoren stehen so vor dem Problem, dass sie nirgends ansetzen können, da ihnen jegliche Begriffssprache durch Zensur und Selbstzensur angetastet erscheint. Das Verhältnis zwischen Zensur und Selbstzensur wird anhand eines Beispiels verdeutlicht: Leistet die Sprache sich ihre eigene ideologische Immanenz z.g.T. selbst, so wird sie – wo dieses noch nicht der Fall ist – beständig von außen zensiert; siehe die Instanzen, durch die ein literarischer Text vor seinem Erscheinen gefiltert wird. Laut den Autoren treibt die allgemeine Tendenz aber zur völligen Abschaffung dieser Institutionen, näher zur totalen Subsumtion unter das Kapitalverhältnis.

Auch sofern die Menschen ihm [den politischen Wahn, H.R.] noch nicht verfallen sind, werden sie durch die Zensurmechanismen, die äußeren wie die ihnen selbst eingepflanzten, der Mittel des Widerstands beraubt.

(S. 18)

Außerdem wird hier in diesen vierten Abschnitt nochmals die Dialektik von Positivismus und Dummheit4 verbildlicht. Der Positivismus (oder auch die Aufklärung) gibt vor, dass er gegen „Scharlatanerie und Aberglauben“ (S. 18) aufbegehrt, doch die Form, in die er es zu vollstrecken versucht, ist die der (bspw.) Wahrscheinlichkeitsrechnung. Da die Wahrscheinlichkeitsrechnung immer nur durch Ausgrenzung des Unwahrscheinlichen funktioniert (Modelle werden produziert), kann positivistischer Geist nur ideologischer Geist sein. Indem er dieses ist, produziert er wiederum die Grundlage für Scharlatanerie und Aberglauben; also gegen das, was er eigentlich zu bekämpfen vorgibt. Bspw. könnte auch sagen, dass durch den positivistischen Geist in den Gesellschaftswissenschaften vermehrt naturwissenschaftliche Begriffe wie der der Kausalität im Raum stehen. Dabei widerspricht sich Gesellschaft und Natur, da in ersterer intentionales Handeln aus menschlicher Freiheit stattfindet, in letzterer nicht.

1Begriffsklärungen:

Infamie = eine Art Dreistigkeit

Ursurpieren = vereinnahmen (negativ konnotiert)

2Dazu muss gesagt werden, dass bspw. Wissenschaft auch Geld kostet, so dass es hier eigentlich kein „Entweder-Oder“ sein kann.

3Gilt in vielen Kreisen als der Begründer der heutigen Soziologie. Kritiker bezeichnen ihn als Positivisten. Positivismus, d.i. Denken in Tatsachen, Fakten, Statisitken – oder in positiv Gegebenem. Bspw. ist Logik selber Produkt gesellschaftlicher Verhältnisse; auf Grundlage dessen werden Erkenntnisse getätigt – Ideologie ist damit vorprogammiert. Bspw. wäre die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis für den Positivismus gleich Metaphysik, denn ein a priori ist nichts positiv Gegebenes.

4Sich nicht dumm machen zu lassen bedeutet bei Adorno, so meine ich, die ständige Reflexion des Verhältnisses von Sache und deren notwendiger Definition, d.i. der gedachte Widerstand gegen Verdinglichung. Das Denken muss notwendigerweise verdingen (bspw. feste Kategorien a priori), um überhaupt zu denken – andererseits wird man dadurch dem Gegenstand nicht gerecht. Über das Geld zu reflektieren bedeutet: Das Denken muss gegen seine eigene Selbstverdinglichung angehen – wenn man dieses nicht tut, dann denkt man die schlechte Gesellschaft selber.

5ter & 6ter Absatz, S. 18 ff. (von „Die Aporie, der wir uns […]“ bis „[…] von der Arbeit des Begriffs sich ausgewiesen“)1

1Begriffsklärungen:

Aporie = eine nicht auflösbare Situation

petitio principii = das stets bedingende Prinzip, das erste Prinzip, von den man nicht abweicht, eine Prinzip

Usancen = vereinbahrte, tradierte Bräuche („man einigt sich darauf“)

Zu aller Erst wurde daran erinnert, dass der Begriff der Schuld – in der letzten Sitzung hier gelesen: „Bei der Selbstbesinnung über seine eigene Schuld sieht sich Denken daher nicht bloß des zustimmenden Gebrauchs der wissenschaftlichen und alltäglichen, sondern ebensosehr jener oppositionellen Begriffssprache beraubt1 – im gesamten Werk eine wichtige Rolle spielen wird und deswegen weiterhin verfolgt werden sollte. 2

Ausgang der weiteren Diskussion nimmt eine Aporie, die sich aus dem Begriff der Aufklärung mit der Prämisse Freiheit zu verwirklichen selbst ergibt: Einerseits zerstört sich aufklärerisches Denken selbst, solange es nicht seinen eigenen „Keim zum jenem Rückschritt3 reflektiert. Andererseits wollen die Autoren aber auch nicht hinter dem aufklärerischen Denken zurück, die Prämisse Freiheit zu verwirklichen, d.i. das praktische Ziel: Kommunismus, soll bestehen bleiben.4 Die explizierte Prämisse Menschheit, die selber aus der bürgerlichen Aufklärung rührt, dient hier aber nicht als dogmatische Setzung im Sinne einer absoluten Wahrheit (vgl. hierzu bspw. Lockes Prämisse der Existenz Gottes in seinen Abhandlungen über die Regierung), sondern als ein Moment, hinter das nicht zurückgetreten werden kann – besser: soll. Worauf es den Autoren also ankommt ist zu erwähnen: Dass die Verwirklichung der Freiheit einerseits von der Aufklärung abhängt, diese sich aber dabei auf sich selber besinnen muss. Dabei stellt sich dann das Problem, dass man mit einem historisch kontigenten Denken („[…] die konkreten historischen Formen, die Institutionen der Gesellschaft, in die es [das Denken, H.R.] verflochten ist […].5), und somit ideologischem Denken, dieses Denken wiederum kritisieren muss.

Für Adorno und Horkheimer findet Denken nicht im luftleeren Raum statt, sondern ist immer auch historisch-materialistisch vermittelt; wie dieses genau vonstatten geht, bleibt zum jetztigen Zeitpunkt noch in der Vage. Aber eines ist klar: Hier wird kein triviales Basis-/Überbau-Modell vertreten; auch ein Schein kann wirklich werden, wenn man sich bspw. die Marx’sche Abhandlung über den Fetischcharakter der Waren anguckt (im Text: „so heißt Wahrheit nicht bloß das vernünftige Bewußstsein, sondern ebensosehr dessen Gestalt in der Wirklichkeit.6). Die Aufklärung versuchte sich zwar einen Begriff vom Denken (Bedingung der Möglichkeit von Denken) zu machen – siehe bspw. Kants a priori-Denkformen –, ließ dabei aber den gesellschaftlichen Zwang, also die Formen, in denen sich Denken vermitteln muss, außer Acht. Auf die Spitze getrieben sieht das dann folgendermaßen aus: Man philosophiert über Freiheit und gleichzeitig exekutieren wahnhafte Volksmassen die Verfolgung des „Anderen“, d.i. Barbarei. Zu den Bedingungen des Denkens also muss etwas hinzutreten: Neben dem Begriff des Denkens ebensosehr die historischen Institutionen, in denen sich Denken vollzieht und von von denen es beeinflusst wird. Das Denken über das Denken in der Aufklärung missachtete dieses und wird somit ideologisch.

Reflektiert die Aufklärung nicht auf diesen ihren Keim, so schlägt sie um in ihr Gegenteil: Schicksal bzw. Mythos. Weiterhin setzen sich die Autoren von den Kulturkonservativen in der Weimarer Republik +/-1 ab. Diese besinnen sich zwar auch auf das Destruktive der Aufklärung, aber falsch: „Briefe anstatt Postkarten!7 Adorno und Horkheimer aber lösen die Destruktivität der Aufklärung nicht zugunsten praktischer Konsequenzen zu einer Seite auf („pragmatisierte[s] Denken8), sondern gehen mit ihrem Denken über dieses hinaus. Wäre dieses nicht möglich, könnte Denken bspw. keine Syntheseleistung vollbringen. Somit behalten sie das aufhebene Potential von Denken bei – die „Metarmorphose von Kritik in Affirmation9 wird nicht vollstreckt; pragmatisiertes Denken, Denken gemäß eines äußeren Zwecks (Zwang) ist immer schon reaktionär. Anhand der Kulturkonservativen ahnt man: Der Faschismus ist eine Seite derselben Medaille Aufklärung.

Offen bleibt bisher die Frage nach dem Begriff von Fortschritt, den Adorno und Horkheimer mit sich tragen, wenn sie diesen benutzen, um die Kulturkonservativen zu kritisieren. Außerdem ist bisher noch kein Gegenargument zu der Haberma’schen Kritik geäußert worden, die da lautet: Wie kann man mit derselben Vernunft die Vernunft kritisieren. Muss man nicht dabei über diese hinaus gehen? Des Weiteren folgende Frage: In wie weit sind die Faschisten der Top of the 20’s – 40’s in Kulturoptimismus und -pessimismus einzuordnen? Sind sie Modernisierer? Eine weitere Frage, die offen blieb: Fängt mit der Aufklärung das systematische Denken an – und wenn ja: wie äußert sich das im Vergleich zu anderem Denken – oder dachte Aristoteles auch schon systematisch? – klingt skurril, wurde aber nicht geklärt. Was ist und was ist der Unterschied zwischen Philosophie und Soziologie und inwieweit sind sie aufeinander verwiesen?

Das Destruktive der Aufklärung – so die Autoren im sechsten Abschnitt – hängt nicht allein von der Laune der Leute ab, sondern befindet sich schon im Begriff derselben; es ist Teil der Wahrheit von Aufklärung.10 Ebenso wird geschrieben, dass Kunst, Philosophie und Literatur einen bestimmten Begriff von Klarheit, den sie genügen müssen, vorgesetzt bekommen. Falls sie es nicht machen, geraten sie in gesellschaftlicher Abweichung. Insoweit gehört hier der Begriff der Angst notwendig dazu. Auch hier bleibt noch einiges offen: Stimmt das überhaupt und wenn ja, für wen und wann? Eine mögliche Interpretation wäre, dass die Autoren ein Problem in der Notwendigkeit der Einteilung zwischen unklar und klar (bspw. eine philosophischen Textes) sehen. Die Klarheit, die vom Mainstream gefordert wird, ist die der logischen, widerspruchsfreien Systematik, gegen die sie die Autoren wehren. Wenn die Wirklichkeit widersprüchlich bestimmt ist und das Denken darauf und auf seine eigene Bedingungen mit der Wirklichkeit reflektiert, kann man Widersprüche nicht lösen ohne in Mythos und Verblendung zu verfallen. Werden Widersprüche hochgehalten, so ist das nach dem Mainstream unklarer Scheiß; die Kulturindustrie, die Klarheit fordert, spielt hierbei eine große Rolle: Kritische Theorie verkauft sich nicht so gut wie Rosemunde Pilcher. Sich diesem abzuwenden ist Aufgabe guter Philosophie. Schlechte Philosophie zeichnet sich durch dogmatische Setzungen vorhandener Theorien und Entitäten und weitere, vertraute Ableitungen aus diesen aus – die Arbeit des Begriffs wird abgebrochen; Anschauungsmaterial: Faschismus! Widersprüche bestehen zwar, aber niemand will etwas davon wissen. Die Einigkeit der Faschisten stellt sich ein: „Der Jude muss tot!“ So werden die eigenen Widersprüche als bürgerliches Subjekt am Anderen im Kollektiv vernichtet.

1S. 18

2Aus der Schuld erwächst die Verantwortung.“ (Shoa-Vergangenheitsbewältigung)

3Ebd. Das Keimmodell rührt stilistisch aus dem Marx’schen Denken her: In jeder Gesellschaft findet sich immer schon der Keim deren eigener Zerstörung (Bspw.: Der Kommunismus erwächst aus dem Schoß bürgerlicher Gesellschaft). Bei Marx ist das Keimmodell also zerstörerisch gemeint, bei Horkheimer & Adorno dann positiv gewendet als notwendige Reflektionsreferenz zur Überwindung gesellschaftlichen Übels.

4Die Freiheit in der Gesellschaft ist vom aufklärerischen Denken nicht ablösbar.“ Interpretationsmöglichkeiten: Ist hier nicht die bürgerliche Freiheit, welche verwirklicht ist (doppelt freier Lohnarbeiter), gemeint? Oder meinen die Autoren beides: Die bürgerlich verwirklichte Freiheit hat ihren eigenen Überschuss als Bedingung der Möglichkeit für die wirkliche Verwirklichung der Freiheit als Kommunismus.

5Ebd.

6S. 19

7Heinrich Heines Verfall der Kultur!

8S. 19

9S. 17

10Ein Exkurs inwieweit Kant bspw. vor der Wahrheit der Aufklärung flüchtet, findet sich in „Probleme der Moralphilosophie“ (Th. W. Adorno), S. 69 ff. Kant löst nämlich ebenfalls die Antinomie zwischen Naturkausalität und menschlicher Freiheit zugunsten letztere auf und ebnet mit dieserart Ursprungsphilosophie den ideologischen Weg. Er klärt den Widerspruch mit denselben Kategorien, die ihn auf den Widerspruch notwendigeweise kommen ließen. Die Diskussion darüber blieb ebenfalls vage und würde sich für einen Exkurs eignen.

7ter, 8ter & 9ter Absatz, S. 20 f. (von „DieNaturverfallenheit […]“ bis „Davon gehen unsere Fragmente aus.“)1

1gleißnerisch“ = blendend & verschleiert (S. 20)

Am Anfang stand die Frage nach dem Begriff von Natur bzw. von Naturverfallenheit, wie ihn die Autoren am Anfang des siebten Abschnitts benennen:

Die Naturverfallenheit heute ist vom gesellschaftlichen Fortschritt nicht abzulösen.“ (S. 20)

Einigkeit bestand in der Annahme, dass hier keineswegs der naturwissenschaftliche Begriff von Natur gemeint ist, sondern hier ein psychologisches Verhältnis ausgedrückt werden soll. In Anbetracht dessen, dass wir uns immer noch in der Vorrede befinden, blieb die Verhältnisbestimmung vorläufig folgende: Die bürgerliche Gesellschaft produziert den realen Schein des Naturhaften, obwohl sie geschichtlich, d.h. von Menschen ins Werk gesetzt wird. Menschliche Beziehungen erscheinen als Beziehungen von Dingen, da der Markt die annährend einzige Vermittlungsinstanz im Kapitalismus ist und fortwährend wird.

Die Gesellschaft als Natur besteht aber nicht nur auf dieser objektiven Erscheinungsebene; im Ausdruck der Naturverfallenheit des Menschen wird deutlich, dass sich die Subjekte der Natur hingeben, sie sind also passiv (Ohnmachtsstellung gegenüber gesellschaftlicher Naturverhältnisse) und aktiv zugleich (libidinöses Verhältnis: Die Subjekte geben sich den objektiven Verhältnissen hin, sind nicht unbedingt nur negativ auf sie bezogen). Beispielsweise kennt man die Aussage „Ich bin dir verfallen“ aus Liebesdramen. Indem sie beides sind – aktiv und passiv –, haben sie an der Aufrechterhaltung bürgerlicher Verhältnisse teil.

Des Weiteren geht es um die reelle Subsumtion der Individuen unter die gesellschaftlichen Verhältnisse bzw. unter soziale Gruppen. Mit den sozialen Gruppen sind die herrschende Gruppen gemeint, die die Bedingung für eine gerechtere Welt, Reichtum, als Privateigentümer_innen in ihre Hand halten. So bringt die bürgerliche Gesellschaft einerseits die Bedingung für eine gerechtere Welt1 hervor und negiert sie zugleich wieder. Konnte man früher noch als Arbeitskraftverkäufer sich freiwillig verdingen, um sein Lebensbedarf zu decken, so ist nun selbst die Entscheidung darüber dem einzelnen Subjekt abgenommen. Offen blieb hier, ob es sich beim Begriff der sozialen Gruppe (S. 20), wie ihn die Autoren verwenden, um eine Art Personalisierung gesellschaftlicher Verhältnisse handelt („rackets“-Theorem) und wenn ja – ob dieses der bestmmten Zeit geschuldet ist (Monopolkapitalismus in 40er und 50er Jahren → Produktionsmitteleigner_innen gewinnen an Macht). Wieso schreiben die Autoren hier nicht von Klassen? Spielen diese keine Rolle mehr? Sind die sozialen Gruppen nicht auch selber dem gesellschaftlichen Herrschaftszusammenhang ausgeliefert? Wie ist deren Verhältnis zum Individuum?

War oben noch von der Naturverfallenheit der Menschen, die die Gewalt über die Gesellschaft austrägt, die Rede, so wird nun von Beherrschung der Gesellschaft über die Natur, Naturbeherrschung, gesprochen. Wir einigten uns darauf, dass beides in einem Zusammenhang gesehen werden muss, d.h. einerseits gibt es kapitalistischen Fortschritt ohne naturwissenschaftlicher Berechnung nicht (Rationalisierung), andererseits verfallen die Menschen – wie oben geschrieben – zurück zur Natur, da der Kapitalismus notwendig einen „ideologischen Vorhang“ (S. 21) produziert, der die Gesellschaft mystifiziert. Offene Frage: Sind hier nicht zwei verschiedene Begriffe von Natur am Werk, die zusammengezogen werden?

Im ungerechten Zustand steigt die Ohnmacht und Lenkbarkeit der Masse mit der ihr zugeteilten Gütermenge.“ (S. 20)

An dieser Textstelle wurde von der Lesegruppe eine Verelendungstheorie aufgespürt: Die Verhältnisse sind ungerecht, die Subjekt derer gegenüber ohnmächtig, Ohnmacht ist die Bedingung der Möglichkeit für Manipulation bzw. Lenkbarmachung (Arbeiterklasse identifiziert sich hin zum Kleinbürgertum). Gelenkt wird mit einer zugeteilten Gütermenge, womit hier wohl die Kulturindustrie gemeint ist, wie sie später im Werk noch behandelt wird. Auch wenn es aus dieser Textstelle nicht deutlich wird, einigte sich die Lesegruppe darauf, dass mit Lenkbarkeit der Masse kein einseitiges Verhältnis gemeint ist – insofern, dass sich die Menschen sehr wohl auch positiv auf Volkswagen, Kaugummi und Sportpalast beziehen. Anhand dieser Aufzählung vonseiten der Autoren erkennt man: Die Kulturindustrie ist dem Faschismus ähnlich. In der Kulturindustrie wird, indem die Kulturgüter die Warenform annehmen und somit austauschbar werden, der Geist nivelliert, verdinglicht. Was einzig zählt: „Hat sich das Konzert gelohnt?“ Kunstwerke verlieren ihren emanzipatorischen Gehalt. Hinter Volkswagen und Sportpalast stehen gesellschaftliche Verhältnisse, die verschleiert erscheinen. Dabei ist aber Denken der Sache nach Auflösung von Verdinglichung, von Kategorisieren, oder: die Entwicklung von Widersprüchen bei einem widersprüchlichen Gegenstand wie die bürgerliche Gesellschaft – nicht die zwanghafte Auflösung von Widersprüchen, was wiederum Verdinglichung wäre.

Sein [der Geist, H.R.] wahres Anliegen ist die Negation der Verdinglichung.“ (S. 20)

Etwas so empfangen, wie es jeweils sich darbietet, unter Verzicht auf Reflexion, ist potentiell immer schon: es anerkennen, wie es ist; dagegen veranlaßt jeder Gedanke virtuell zu einer negativen Bewegung.“ (ND, S. 48)

Im achten Absatz wird sich vom Kulturkonservativismus bzw. -pessimismus (in Prägung: Huxeley, Jaspers und Ortega y Gasset) abgegrenzt. Dagegen wird die Losung aufgestellt, dass sich die Aufklärung in Zeiten der Zerstörung ihrer Hoffnungen auf sich selber besinnen muss. Auch wenn sich die Vergangenheit fortsetzt, eine Vergangenheit der Zerstörung, ist die Vergangenheit immer auch ein Indiz dafür, dass es nicht so bleiben muss, wie es ist – das geschichtliche Bewusstsein ist Bedingung dafür.

Die Autoren sprechen weiterhin die Veränderung der Kultur – wie oben schon angeklungen – an. Gab es früher eine bestimmte Schicht, die sich eine „respektable Bildung“ (S. 20) auf Grund von gesellschaftlicher Arbeitsteilung leisten konnte, so kann sich heutzutage annähernd jede_r den Besuch für 1, 50 Euro im Theater gönnen. Mit vermehrter kapitalisierung der Kultur gerät das Vergnügen als solches in den Vordergrund, so dass selbst die Freizeit zum dem System gegenüber bejahenden Mechanismus wird: „Kino ist eben keine Arbeit.“ Wenn Britney Spears und Beethoven unmittelbar zusammen im Radio laufen, dann müsste sich der Geist im Grabe umdrehen – der spezifische Gehalt Beethovens wird gleichgeschaltet, so dass keinerlei gesellschaftliche Verhältnisse (mehr?) transzendiert werden. Kultur wird in ungenießbarer Form genossen und trotzdem erscheinen dieserart Glücksgüter als der Sinn des Lebens, sie sind reale Metaphysik.

1Was meinen die Autoren mit Gerechtigkeit? Hier wird der Begriff nur negativ bestimmt (gerechter als…). Kann man ihn überhaupt positiv bestimmen? Gibt es im Kommunismus überhaupt noch einen Begriff von Gerechtigkeit, wenn er real verwirklicht ist? Fragen über Fragen – weiter verfolgen!

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