Ideologie als Sprache. Von Neujahrs- und Weihnachtsansprachen.

 I

Sie [,unsere Soldatinnen und Soldaten,] leisten nämlich einen Beitrag dazu, dass unsere Welt besser wird. Deutschland hat in der Welt einen guten Ruf.“1

Heute nun können Sie darauf vertrauen, dass ich alles daran setze, den Euro zu stärken. Gelingen aber wird das nur, wenn Europa Lehren aus Fehlern der Vergangenheit zieht.“2

Die obigen Zitate lesen heißt: Wahrnehmen, was mit Aura gemeint ist. Ruf, einen Beitrag leisten, unsere Welt, Vertrauen, Lehren, Fehler der Vergangenheit – Der Jargon der Eigentlichkeit ist Ideologie als Sprache, unter Absehung von allem besonderen Inhalt.“3 In diesen Zitaten erscheint es so, als sei die Menschheit als Idee der Zweck gesellschaftlicher Strukturbeziehungen. Am nachdrücklichen Tonfall der Reden ahnt man aber schon den ideologischen Gehalt dessen.

II

Der Kontext: Begriff der Eigentlichkeit. Bevor explizit auf den Inhalt der ersten zwanzig Seiten des Aufsatzes „Jargon der Eigentlichkeit“ von Adorno anhand zentraler Begrifflichkeiten eingegangen wird, sollen einige Stellen in Heideggers „Sein und Zeit“ und Adornos Vorlesung „Ontologie und Dialektik“ erläutert werden, um den zu behandelnden Aufsatz einen logisch-historischen Rahmen zu geben. Heidegger versteht unter Eigentlichkeit einen möglichen Modus des innerweltlichen Daseins; in Abgrenzung zur Uneigentlichkeit. Uneigentlich ist das Dasein dann, wenn es sich im Verfallen-sein am Man oder Gerede (vgl. die Öffentlichkeit, der Mainstream) befindet. In diesen uneigentlichen Zustand befindet sich das Dasein – um in Heideggers Begrifflichkeiten zu bleiben – auf einer Flucht vor sich selbst. Eine Möglichkeit auf Eigentlichkeit besitzt das Sein des Daseins beispielsweise im Angstzustand. Liegt eine eigentliche Angst vor, kann sich das Dasein vom Verfallen-sein an das Man lösen. Vor diesem Hintergrund liegt es nahe, den Begriff der Eigentlichkeit mit dem der Authentizität oder Ursprünglichkeit zu explizieren. Eigentlichkeit bedeutet bei Heidegger weiter das Eingestehen (entschlossen „Sich-aufrufen-lassen4) des Selbst in seiner Schuld, bzw. im Verfallen-sein am Man.5

Der Kontext: Kritik an der Seinsphilosophie. In der fünfzehnten Vorlesung zur „Ontologie und Dialektik“ kritisiert Adorno die Seinsphilosophie vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Verhältnisse6, in denen diese ihren Höhepunkt gewinnt und deren Jargon als spezifische Äußerung gesellschaftliches Bewusstseins dann im Weiteren von Adorno kritisiert wird. Ausgangspunkt der Kritik Adornos an der Seinsphilosophie nimmt ein Zitat Kants aus seiner Kritik der reinen Vernunft: „Im Reich der Zwecke hat alles entweder einen Preis oder eine Würde.7 Die Seinsphilosophie spielt sich in der bürgerlichen Gesellschaft ab – ein für Adorno wichtiges Moment –, in welcher der Großteil der materiellen und immateriellen Gegenstände zur Ware wird und es keinerlei Entitäten gibt, die um ihrer selbst willen vorhanden sind (wie z.B. die Würde des Menschen). Die Menschen und die Umwelt werden zum Mittel für bestimmte Zwecke degradiert, alles gehorcht der kapitalistischen „Tauschrationalität8: Subjekte und Dinge werden durch den Vergleich in ihren konkreten Besonderheiten negiert. Die gesellschaftlichen Verhältnisse, in der das subjektive Dasein durch Tausch, ökonomische Verwertbarkeit und positivistischen Zeitbegriff9 bestimmt ist, dringt laut Adorno neben der tagtäglichen Erfahrung, in einer vorgeblich vernünftigen Gesellschaft stets als Individuum in der Allgemeinheit aufgelöst zu werden, tief bis ins subjektive Bewusstsein ein.10 Die Seinsphilosophie ist ein Ausdruck dieses bürgerlich-geformten Bewusstseins: Adorno zufolge werden in ihr Begriffe wie menschlicher Kontakt, Zeit, Bindung, echtes Gespräch – zusammenfassend: Verhältnisse, die in der Anonymität bürgerlicher Gesellschaft tendenziell nicht mehr vorhanden sind – nachdrücklich erhöht.

Adorno spricht – inspiriert durch Walter Benjamin – von einer „Aura11, die um die obig genannten Begriffe blüht: Im Bewusstsein, dass in der kapitalistischen Wirklichkeit irgendetwas nicht stimmt – beispielsweise der Verlust der menschlichen Würde usw. –, vergegenständlicht die Seinsphilosophie Begriffe wie Würde, Sein und Sinn, indem sie diese als Ideen transzendieren, die realiter nicht herrschen, trotzdem vorhanden aber nicht erreichbar sind; somit wird die menschliche Sehnsucht (bspw.) nach Zeitbewusstsein und menschenwürdigen Verhältnissen von der Seinsphilosophie ausgebeutet, indem diese einen gegenständlichen Sinn deren inmitten der entzauberten Welt12 vorgibt. Die entsprechenden Begriffe werden dabei jeglicher Kritik entzogen, da sie als unhistorische Ideen transzendiert, d.h. ins Abstrakte verschoben und somit als Idee verdinglicht werden. Dieses widerspricht Adornos Credo der immanenten Kritik: Der Begriff der Würde muss mit der Wirklichkeit konfrontiert werden, um aus der Immanenz bürgerlicher Logik herauszutreten.13 Zusammenfassend ist Adorno zufolge die „Aura des Pfundigen14 in einer zeitlosen und dynamisch-unsicheren Welt dasjenige, welches die Seinsphilosophie ‚am Leben hält‚.15 Adorno kritisiert zudem die Seinsphilosophie, wie sie sich im Jargon der Eigentlichkeit äußert, im Kampf gegen die entzauberte Welt durch reine Begriffsanalysen. Hier wird übersehen, dass objektive politökonomische Ursachen ebenfalls an der Entzauberung der Welt teilhaben.

Der Aufsatz: Einleitung. Auf den ersten zwei Seiten des Aufsatzes finden sich die ersten Kritikpunkte Adornos an den „Eigentlichen16, die er hier nicht weiter beim Namen nennt. Laut Adorno kann man am Jargon, der von den Eigentlichen (bspw. in „Sein und Zeit“) verwendet wird, die theologischen Süchte der intellektuellen Elite, sowie der Gesamtgesellschaft, in der Vorkriegszeit (bzw. vor 1933) erkennen. Adorno nimmt das Resultat am Anfang seines Aufsatzes schon vorweg: Die Eigentlichen erschaffen, ob intendiert oder nicht, durch autonomes Denken (siehe oben: reine Begriffsanalysen etc.) eine Religion. Da aber Religion dem eigenen Begriffe nach immer einen Anspruch auf ein Absolutes hat, begeben sich die Eigentlichen laut Adorno in einen Widerspruch: Wenn Religion absolut ist, dann hat sie ebenfalls einen objektiven Charakter unabhängig vom Denken, welcher dann durch autonomes Denken nicht in seiner konkreten Gänze erfasst werden kann. Würde der Gehalt von Religion nur vom autonomen Denken abhängen, so wäre sie nicht mehr absolut, da sie sich dann dem Denken unterwerfen würde.

Des Weiteren zeichnen sich laut Adorno die Eigentlichen durch ihren Anspruch aus, sich in ihrer Begriffswahl stets konkret auszudrücken. Auch hier sieht er einen Widerspruch, der, da er notwendig im Begriff des Begriffs steckt, nicht aufgelöst werden kann: Wenn man beispielsweise den Begriff Freiheit definieren möchte, dann beleuchtet man immer nur einen Teil dessen; was Freiheit sonst noch heißt bzw. heißen kann, bleibt immer ein abstrakter Rest, der beim Definieren verloren geht.17

Transzendenter Standard. In seinem zweiten Abschnitt kritisiert Adorno den Jargon der Eigentlichen, die doch gerade die Welt auf Grund ihrer Standardisierung (Entzauberung der Welt) kritisieren, als standardisiert. Wie kann ein Jargon standardisiert sein? Adorno nennt Beispielwörter des Jargons: „existentiell, ‚in der Entscheidung‘, Auftrag, Anruf, Begegnung, echtes Gespräch, Aussage, Anliegen, Bindung aus […]18. Dadurch dass diese nun aus dem Kontext (vom inhaltlichen Gedanken, Urteil und Schluss), in dem diese geäußert werden, genommen werden, transzendieren die Eigentlichen die Einzelwörter und implizieren ihnen durch ihre bloße Äußerung eine Erhöhung in ihrer Bedeutung. Sie sollen mehr als im tagtäglichen Gebrauch bedeuten. Die Konsequenz ist eine Vernachlässigung des Inhalts zugunsten des reinen Worts. „[…] Kernig sei, daß der ganze Mensch rede.19 Adorno zufolge geht es den Eigentlichen – sichtbar an diesen Zitat – vor allem um die Beziehung zweier existierender Menschen in der Rede: Ohne redende Person keine eigentliche Rede. Mit Rekurs auf die obigen Ausführungen ist die nachdrückliche Formulierung der genannten Worte ein Zeichen für die Abwesenheit – um im Beispiel zu bleiben – ‚echter Gespräche. Die Frage, warum diese vernachlässigt werden, also der Inhalt dieses Phänomens, wird von den Eigentlichen zugunsten der transzendenten Bedeutung umgangen, als ob Begriffe keine objektiv-gesellschaftliche Grundlage haben.20 Da also der Inhalt vom Gedanken durch den im Jargon erhöhten und somit verdinglichten Begriff verloren geht, ist der Jargon standardisiert, da er beliebig, d.i. unabhängig vom Inhalt verwendet werden kann: „Ungreifbarkeit wird zur Unangreifbarkeit21 durch die transzendente Form, in der die Worte des Jargon geschrieben sind. Würde man stattdessen bestimmte Begriffe, die sich immer historisch entwickeln, mit der Wirklichkeit konfrontieren, könnte die Welt in ihrem Standard aus den Angeln gehoben werden.22

Kleinbürger in auratischer Krise. Adorno vergleicht den Tonfall des Jargons mit dem Begriff der Aura, die Worte des Jargons „klingen, wie wenn sie ein Höheres sagten […]“23. Der Begriff der Aura wird hier vor dem Hintergrund Walter Benjamins eingeführt. Bei Benjamin ist die Aura die ästhetische Einheit von Nähe und Ferne, „einmalige Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag“24. Die Aura ist mehr Gefühl als Begriff, sie kann nur in ihrer Nichtbegrifflichkeit begriffen werden.25 Obwohl die Aura am „Hier und Jetzt“ des Kunstwerks gebunden ist, kann man die Aura nicht abbilden; sie entzieht sich jeglicher Anschauung. Mit der hiesigen Kunstentwicklung stirbt Benjamin zufolge die Aura der Kunstobjekte aus (auratische Krise), die Kunst verliert ihre Möglichkeit des Scheins, wenn sie sich in größtmöglicher Weise mit Details beschäftigt – „Scheinlosigkeit und der Verfall der Aura sind identische Phänomene26. In seinen frühen Jahren äußert sich Benjamin zum menschlichen Verhalten in Russland – dieses sei die Verwirklichung der Aura des russischen Geistes.27

Genauso wie für Benjamin gesichtslose Bilder Ausdruck der auratischen Krise sind, so sind es bei Adorno die Worte des Jargons, als übrig gebliebende auratische Worte inmitten der Aurakrise, welche mit der Entzauberung der Welt einhergeht. Hier liegt ein weiterer Widerspruch, den Adorno benennt: Einerseits vermag der Jargon etwas gegen die verdinglichte Welt auszurichten, andererseits aber vollzieht er dieses selbst durch der Wirklichkeit abgehobene, d.i. durch verdinglichte Begriffe. Ziel der Eigentlichen ist es die entzauberte Welt wieder zu beleben; dieses Vorhaben entspricht laut Adorno adäquat dem Bewusstsein des Kleinbürgertums, welches der bzw. dem Jargon nutzt, mit die gesellschaftlichen Elite (in der geistigen und materiellen Zugriffsmacht) in der Konkurrenz halten, die es tendenziell nie ganz erreicht. Hiernach hat der Jargon der Eigentlichkeit im Kleinbürgertum die Funktion der elitären „Selbstbefriedigung28 eines von der gesellschaftlichen Entwicklung bedrohten und erniedrigten Kleinbürgertums29. Das erinnert an die Faschismustheorie Trotzkis, der im deklassierten Kleinbürgertum Deutschlands (Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre) die Grundlage erfolgreicher faschistischer Propaganda sieht. Nach Trotzki verbündet sich besonders das Kleinbürgertum – infolge einer Abgrenzung vom Kommunismus und Kapitalismus – mit dem Faschismus, wenn es von der Deklassierung hin zur Arbeiterklasse bedroht ist, wie es bspw. in der deutschen Wirtschaftskrise 1932/33 der Fall war. Trotzki sieht in der Verbindung des Kleinbürgertums mit dem Faschismus einen falschen Schluss des ersteren, denn zweiterer dient nur dem Großbürgertum.30 Darauf, ob die Thesen Trotzkis ebenfalls schlüssig sind, kann hier leider nicht eingegangen werden. Sie sollen nur der Kontextualisierung des Jargon[s] der Eigentlichkeit dienen.

Da das Kleinbürgertum in der antagonistischen Gesellschaft stets im Nachteil ist, überlagern sie diese empirische Tatsache mit der Sehnsucht nach transzendenter Ursprünglichkeit – zur geistigen Befriedigung seiner Selbst: „Trost ohne Eingriff31. Dieses Verhalten entspricht einem Hauptmotiv Adornos Soziologie: Dem autoritären Charakter. Er bestimmt das oben beschriebene Verhalten als „autoritätssüchtig32, da die Worte des Jargons in eine Art platonischer Ideenwelt ohne Vermittlung des Gedankens – dieser wird vielmehr stillgestellt – gen Himmel verschoben werden. Das Bild des Radfahrers, welches Adorno synonym zum Begriff des autoritären Charakters benutzt, eignet sich ebenfalls: ‚Nach unten treten, nach vorne streben!‚ Der autoritäre Charakter Adornos zeichnet sich durch eine strikte innere Abwehr gegenüber eigener gesellschaftlicher Selbstbestimmung (oder: Verantwortung für die Menschheit als Zweck) aus, da diese dem Subjekt in der bürgerlichen Gesellschaft die ideologische Fassade der Sicherheit nehmen würde. Wie man hier sieht, ist er eine eindeutig psychologische Kategorie; er ist Symptom einer Ich-Schwäche, die aus gesellschaftlichen Strukturen und individuellen Ohnmachtssituationen denen gegenüber kehrt.33 Der autoritäre Charakter wehrt sich, aus Angst vor den Konsequenzen eigener Entscheidungen, vor Veränderungen; er ist somit anfällig für totalitäre Ideologien und Propaganda.34 An einer anderen Textstelle vernimmt man Adornos Sympathie zu Trotzkis Faschismustheorie und zur Kapitalismuskritik:

Die dafür anfälligen [Massenbewegungen, Propaganda; H.R.] Charaktere sind selber Produkt gesellschaftlicher Entwicklungen, wie etwa des Zerfalls des mittleren Eigentums.35

Wie sehr der Begriff des autoritären Charakters zum hier behandelten Gegenstand passt, sieht man besonders an einer von Adornos Bestimmung, dass sich autoritätsgebundene Personen durch einen Verlust lebendiger Beziehungen zwischen Mensch und Ding auszeichnen.36 Auch bei den Eigentlichen befindet sich laut Adorno keine dialektische Herangehensweise in dem Sinne, dass Begriffe in der Konfrontation mit der Wirklichkeit entwickelt und geprüft werden. Solcherart Dialektik findet bei ihnen zugunsten der Unangreifbarkeit nicht statt.

Himmelfahrt in die Tiefe. Wie schon erwähnt, erscheinen die Worte des Jargons in einem Überschuss an Bedeutung. Dass jeder Begriff ein Mehr, welches über seine konkrete und bestimmte Bedeutung geht, mit sich bringt, würde auch Adorno nicht bestreiten.37 Der Unterschied zwischen ihm und den Eigentlichen besteht aber darin, dass zweitere dieses Mehr den Begriffen als verdinglichten, d.i. festen Besitz in einer metaphysischen Ebene zuschreiben. Bei Adorno bildet sich dieses Mehr in der Vermittlung vom Begriff und seiner Verwirklichung, in der jener aufgespießt wird. Philosophisches Denken bei Adorno wird sich über den Widerspruch des Begriffs eines Nichtbegrifflichen (das Mehr) bewusst, im Jargon wird dieses Verhältnis rein im Tonfall aufgehoben, „Dialektik abgebrochen“38.

Indem der Jargon empirische Wörter, wie der Auftrag, in transzendenter Weise der Aura überführen, wird die subjektive Vermittlung zwischen Wort und Bedeutung verdeckt. Dieses führt zu dem Widerspruch, dass die Wörter des Jargons einerseits konkrete Sachverhalte ansprechen wollen, aber diese sich andererseits – unabhängig von jeglichem Inhalt – in der Transzendenz befinden;39 und das, obwohl Heidegger explizit gegen die Zweideutigkeit schreibt:

Alles sieht so aus wie echt verstanden, ergriffen und gesprochen und ist es im Grunde doch nicht, oder es sie sieht nicht so aus und ist es im Grunde doch.40

Im Jargon der Eigentlichkeit ist die Priorität der Ich-Du-Beziehung als besonderes Zeichen existentieller Begebenheit aufgehoben. Dieses Bedürfnis nach ‚echten Gesprächen‘ zwischen ‚echten Menschen‘ wird von Adorno in seinen Ideologiegehalt durch Bezug auf die Wirklichkeit in vierfacher Hinsicht kritisiert. Im Bedürfnis nach besonders existentiellen Gesprächen drückt sich erstens die Wirklichkeit (Massenkommunikation, Prinzip des Tausches, gegenseitige Selbstachtung vs. kollektive Verachtung des Subjekts …) aus, gegen die sich der Jargon nach existentiellen Verhältnissen sehnt. Dabei werden die Eigentlichen in ihren Existentialismus hier und da von den realen Verhältnissen überholt; wenn sie sich z.B. fragen müssen, wie es morgen mit der finanziellen Existenz aussieht; dagegen vermag bspw. auch das existentielle Gespräch im Finanzamt nichts auszurichten. Zweitens wird doch gerade durch die vorgebliche Objektivität der Sprache und ihre Allgemeinheit, die sich im eigentlichen, ungreifbaren und transzendenten Bereich abspielt, der ganze Mensch, auf den es den Eigentlichen doch ankommt, relativiert, indem es ihnen eben nicht auf die subjektive Vermittlung der Sprache ankommt. Der Jargon der Eigentlichkeit setzt sich von der Massenkommunikation (Gerede bei Heidegger) durch die Gegenüberstellung mit der echten Ich-Du-Beziehung ab und möchte dadurch besondere Tiefe erlangen.41 Allein die Tatsache, dass sich zwei Menschen auf gleicher Augenhöhe begegnen, soll schon Grund genug für die Gültigkeit der getätigten Aussagen sein; auch hier wird wieder vom Inhalt der bestimmten Aussagen abstrahiert, da Menschen sich sehr wohl irren können. Der Gedanken der Tiefe, wie er bei den Eigentlichen zu finden ist, wird vonseiten Adornos mit dem Vorwurf des argumentativen Zirkelschlusses kritisiert. Wenn man sich schon vor jeglicher inhaltlichen Befassung auf die Tiefe als Resultat festgelegt hat, dann erübrigt sich auch jede Befassung mit Gegenständen, denn die Tiefe als Urteil wird hier nicht am Verhältnis vom Erkannten zum erkennenden Subjekt im Erkenntnisvorgang festgemacht, sondern steht schon vorm Erkenntnisvorgang dinghaft fest.42

Viertens findet sich ein Vergleich Adornos des Verhaltens der Eigentlichen in Bezug ihrer Auffassung von Sprache mit der „Warenwelt43. Adornos Kritik verläuft folgendermaßen: Weil die Aussage nach der Logik der Eigentlichkeit an sich schon gültig ist, profitiert diejenige Person, die sie aufnimmt; sie richtet sich nach der nachfragenden Person richten; somit sind die Worte des Jargons beliebig einsetzbar. Dieses entspricht der Forderung in der Warenwelt, dass sich das zu produzierende Angebot in Warenform an die Bedürfnissen der Konsument_innen zu richten habe, was aber unter Rekurs auf Karl Marx und anderer Aufsätze Adornos widerlegt werden kann. Die Ware ist nur Ware für den Tausch. Indem zwei Waren nun miteinander verglichen werden – und das müssen sie für den Tausch –, werden sie auf ein gemeinsames Drittes in ihren konkreten Besonderheiten (2 Tisch = 10 Stangen Zigaretten) negiert. Das gemeinsame Dritte ist der Wert der Ware, der sich im gesellschaftlichen Durchschnitt unabhängig vom Willen der Beteiligten bildet. Da es im Kapitalismus um die Vermehrung des Werts (Wert bspw. in Geldform ist allgemeines Äquivalent, d.i. allgemeine Zugriffsmacht auf fremdes Eigentum) geht, erkennt man, dass das Bedürfnis der Menschen im Kapitalismus nur als Erpressungshebel zur Aneignung von Wert fungiert.44 Zwischen Produktion und Konsumtion liegt die Werthürde; die Konsument_innen entscheiden nur innerhalb ihres vorfabrizierten Schematismus‘:

Für alle ist etwas vorgesehen, damit keiner ausweichen kann, die Unterschiede werden eingeschliffen und propagiert. Die Belieferung des Publikums mit einer Hierarchie von Serienqualitäten dient nur der um so lückenloseren Quantifizierung. Jeder soll sich gleichsam spontan seinem vorweg durch Indizien bestimmten ‚level‘ gemäß verhalten und nach der Kategorie des Massenprodukts greifen, die für seinen Typ fabriziert ist.45

Zudem kann sich Geistiges nie gänzlich nach dem Subjekt und seiner Willkür richten, da die Eigenbewegung des Geistes, d.i. auch die Entwicklung des Begriffs unabhängig vom einzelnen Subjekt bestehen bleibt.

Individualisierung mit und in Gesellschaft. Die direkte Beziehung zwischen zwei Menschen, die „Ich-Du-Beziehung46, wird also von den Eigentlichen als dasjenige Verhältnis angesehen, in dem Wahrheit produziert wird. Diese These kritisiert Adorno mit seinem Begriff von Wahrheit, der sich von dinghaften Verhältnissen absetzt – die Wahrheit bei Adorno ist eine Qualität im Zusammenhang des Ganzen (siehe bei Hegel die Bedeutung von konkret). An anderer Stelle kritisiert er, dass eine Erfahrung für sich alleine niemals eine Wahrheit beanspruchen kann, sondern „daß die[se] ursprüngliche Erfahrung nicht ein Erstes und nicht ein Letztes, sondern daß sie, wie wir in der Philosophie sagen, ein in sich Vermitteltes ist47“. Diesen Ansatz könnte man auch gegen die Erfahrung der Ich-Du-Beziehung anwenden, die bei den Eigentlichen, wenn man Adorno Glauben schenken möchte, an sich schon wahrhaftig sein soll.

Des Weiteren wirft Adorno den Eigentlichen vor, dass sie die Dynamik der anonymen Tauschgesellschaft verkennen. Im gleichen Augenblick, in dem Heidegger etwas gegen das Man und Gerede (und somit in bestimmter Weise auch etwas gegen jene Anonymität) auszusetzen hat, wird auch das von den Eigentlichen als eigentlich und besonderes Benannte durch die Anonymität der Tauschgesellschaft in ihrer Eigentlichkeit negiert. Die gesellschaftlichen Verhältnisse überholen – bildlich ausgedrückt– ständig die Eigentlichen, die selbst etwas gegen jene Verhältnisse auszusetzen haben.

Für Adorno hat der Jargon der Eigentlichkeit die Funktion, den prekäreren Schichten der Gesellschaft einen Schein aufrecht zu erhalten; den Schein, dass sie aus eigener Kraft an der Hochkultur teilhaben können, indem sie den Jargon benutzen. So will sich bspw. das Kleinbürgertum durch den Jargon von der Oberflächlichkeit absetzen und Anschluss gewinnen. Dieses wird aber, indem es alle machen, wiederum zur Oberfläche, zum Mitläufer im gesellschaftlichen Verkehr.48 So scheint es so, als ob man sich durch den Jargon als Individuum autonom entwickeln könnte. Adorno vergleicht dieses Verhalten mit der Individualisierung in der Kulturindustrie, die keine wirkliche ist:

In der Kulturindustrie ist das Individuum illusionär nicht bloß wegen der Standardisierung ihrer Produktionsweise. Es wird nur so weit geduldet, wie seine rückhaltlose Identität mit dem Allgemeinen außer Frage steht.49

oder:

Was in der Kulturindustrie die Pseudoindividualisierung besorgt, daß besorgt bei ihren Verächtern der Jargon.50

Laut Adorno ist dieses beschriebene Bedürfnis der Selbsterhöhung, hier: durch den Jargon, nicht bloß auf das Kleinbürgertum beschränkt, es ist Ausdruck eines kollektiven Narzissmus‘ – besonders in Deutschland. Diese ebenfalls psychologische Kategorie meint eine kollektive Reaktion, ausgehend von einem individuellen Ohnmachtsgefühl vor gesellschaftlichen Verhältnissen und das auch damit verbundene Schuldgefühl, dass es doch anders sein müsste. Die Reaktion auf diese sozial-psychologische Struktur zeichnet sich Adorno zufolge dadurch aus, dass sich die betroffenen Personen selber zu wichtigen Subjekten erhöhen, um oben beschriebenes zu kompensieren.51Die Attitüde, in der Halbbildung und kollektiver Narzißmus sich vereinen ist die des Verfügens, als Fachmann sich Gebärdens, Dazu-Gehörens.52

Gesellschaftlicher „Kitt“53. Hier bekommt der Jargon der Eigentlichkeit eine weitere Bestimmung: Er soll nach Adorno gesellschaftlicher Kitt sein, da er gesellschaftliche Mangelsituationen als positive Momente ummünzt. Ohne dass der Gedanke vorher, bei Adorno: durch das Mittel der Negation, auf seine Positivität bzw. Negativität – und zwar im doppelten Sinne: daseiend/nicht-daseiend und gut/schlecht – geprüft wird. Er ist positiv, schon von von vorneherein, auf Grund seiner pur-existentiellen Anwesenheit. Da der Gedanke, abgekoppelt vom Denken, dem Subjekt als dinghaft gegenüber ‚bereitsteht‚ und dieser Gedanke aus einer bestimmten gesellschaftlichen Ordnung kehrt, wird letztere affirmiert: Man wehrt sich gegen die prüfende Negation des Bestehenden. Somit ist der Jargon Sprache einer Religion als Selbstzweck in einer Zeit, in der religiöse ‚Sicherheiten‘ als die Bestimmung des menschlichen Daseins auf Grund kapitalistischer Rationalität verschwinden: Den Eigentlichen gilt es diese wieder zu beschwören, der Jargon reiht sich – vor dem Hintergrund des bisher ausgeführten adäquat – darin ein. Die Eigentlichen sehnen sich nach Geborgenheit, diese ist ihnen ein Existential und deswegen einerseits transzendent des menschlichen Daseins gegenüber, aber andererseits doch konkret am Hier und Jetzt gegeben. Die Konsequenz Adorno zufolge ist: In ihrer Sehnsucht nach Geborgenheit reflektieren die Eigentlichen nicht auf diejenigen Verhältnisse, die stets eine unheimliche Partikularität reproduzieren. Sie gehen zur Affirmation der „wohlgesinnten Ordnung54 über; letzterer Schritt erscheint hier nach Adorno in existentieller Denklogik geradezu notwendig.

Positive Negativität“55. Adorno wirft Hegels Dialektik vor, sie sei eine der „positive[n] Negativität56 und wendet diese Kritik auch gegenüber dem Denken der Existentialphilosophie an. Bei Hegel wird der Geist, wenn er sich kritisch gegenüber der gesellschaftlichen Objektivität stellt, zum für-sich; er ist sich seiner Selbst bewusst. Dabei aber stellt sich – laut Hegel – das Subjekt der gesellschaftlichen Objektivität als ein Absolutes gegenüber, d.i. eine abstrakte Subjektivität, und vergisst, dass es auch nur ein Moment in der gesellschaftlichen Objektivität ist. Vielmehr muss sich das Subjekt bei Hegel selbst in der Notwendigkeit der gesellschaftlichen Objektivität (Institutionen etc.) verstehen, um sich selbst zu erkennen – Resultat: Durch die Negation der abstrakten Negation des Subjekts bei Hegel wird die Gesellschaft in ihrer Objektivität (Institutionen etc.) positiv: Positive Negativität. Wie dieses Phänomen zur Logik des Denkens in Eigentlichkeit passt, sollte oben belegt sein, wenn davon die Rede ist, dass Mangelsituationen durch den Jargon der Eigentlichkeit in positive umgemünzt werden, gemein ist ihnen das Erstarren vor Selbstreflexion (→Negativität) hin zur Affirmation (→Positivität).

III

Zum Ende hin möchte ich einen Widerspruch, der – so meine ich – in Adornos Ausführungen selbst liegt, erwähnen, und bei dem ich bis zum Ende dieser Arbeit nicht weiß, wie man ihn denken soll. Möglicherweise handelt es sich hier um eine unreflektierte Lücke in Adornos Theorie. Einer der Hauptpunkte Adorno’scher Kritik am Jargon der Eigentlichkeit liegt meines Erachtens in der Feststellung, dass im Jargon die Sehnsucht nach Sicherheit in einer unsicheren Welt aufgehoben ist (siehe auch die Zitate in der Einleitung). Da es beim verdinglichten Jargon bleibt, findet keine Reflexion auf die realen Bedingungen statt, daher ist der Jargon Ausdruck einer Gesinnung ohne Inhalt; die Eigentlichen beschwören eine Religion, die auf Grund fehlender Reflexion auf diese zur unreflektierten Religiosität, d.i. zur abstrakten Gesinnung wird. Adorno sieht also im Jargon eine Art Selbstbeschränkung vor eigener Reflexion: Das macht den Jargon gefährlich, Anbindungen zu autoritären Bewegungen liegen nahe. Der Widerspruch liegt nun darin, dass Adorno wie aufgeführt an anderer Stelle erwähnt, dass im Jargon die positive Negativität aufgehoben ist, was meint: Mittels des Jargons werden bestehende Ordnungen affirmiert. Dieser Widerspruch kann nur gelöst werden, wenn Adorno mit dem oben erwähnten Begriff der wohlgesinnten Ordnung beiderlei meint: Bürgerliche Demokratie und Faschismus. Dieses jedoch bleibt schwierig zu denken.

[Anhang]

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Dr. Angela Merkel:

Neujahrsansprache 2012“

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Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

Anfang dieses Jahres begannen die Menschen in Nordafrika und Nahost, in ihrer Region die politische Ordnung entscheidend zu verändern. Im März wurde Japan von einem gewaltigen Erdbeben, einer furchtbaren Flutwelle und in der Folge einer verheerenden Reaktorkatastrophe heimgesucht. Im Herbst wurde der siebenmilliardste Erdenbürger geboren – dies sind nur ganz wenige Ausschnitte aus dem zurückliegenden Jahr. 2011 war ohne Zweifel ein Jahr tiefgreifender Veränderungen.
Das gilt auch für uns in Europa. Hier hält uns unverändert die Schuldenkrise der Staaten in Atem. Trotz aller Mühen dürfen wir nie vergessen, dass die friedliche Vereinigung unseres Kontinents das historische Geschenk für uns ist. Es hat uns über ein halbes Jahrhundert Frieden, Freiheit, Gerechtigkeit, Menschenrechte und Demokratie gebracht.
Diese Werte können wir auch in unserer Zeit gar nicht hoch genug schätzen. Gerade jetzt nicht, wo sich Europa in seiner schwersten Bewährungsprobe seit Jahrzehnten befindet, wo sich – wie ich weiß – viele von Ihnen Gedanken um die Sicherheit unserer Währung machen. In wenigen Stunden ist es genau zehn Jahre her, als sich viele von uns gleich um Mitternacht am Bankautomaten die ersten Scheine des Euro geholt haben. Seitdem hat der Euro unseren Alltag einfacher und unsere Wirtschaft stärker gemacht. In der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 bewahrte er uns vor Schlimmerem. Heute nun können Sie darauf vertrauen, dass ich alles daran setze, den Euro zu stärken. Gelingen aber wird das nur, wenn Europa Lehren aus Fehlern der Vergangenheit zieht. Eine davon ist, dass eine gemeinsame Währung erst dann wirklich erfolgreich sein kann, wenn wir mehr als bisher in Europa zusammenarbeiten.Europa wächst in der Krise zusammen. Der Weg, sie zu überwinden, bleibt lang und wird nicht ohne Rückschläge sein, doch am Ende dieses Weges wird Europa stärker aus der Krise hervorgehen, als es in sie hineingegangen ist.

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

gerade in Deutschland haben wir Grund zur Zuversicht. Fast alle jungen Menschen haben in diesem Jahr einen Ausbildungsplatz gefunden. Es sind so wenig Menschen arbeitslos wie seit 20 Jahren nicht. Deutschland geht es gut, auch wenn das nächste Jahr ohne Zweifel schwieriger wird als dieses. Das alles ist Ihrem Fleiß, Ihrer Unermüdlichkeit zu verdanken. Sie haben das möglich gemacht. Sie alle, die Menschen in Deutschland. Gemeinsam. Voraussetzung dafür ist, dass wir in Freiheit und Sicherheit leben können. Dazu leisten unsere Polizisten und Soldaten unter Einsatz ihres Lebens einen großen Dienst, zu Hause und in vielen Regionen der Welt. Ich danke Ihnen wie auch den vielen zivilen und ehrenamtlichen Helfern in unserem Land. Sie stehen für die Werte unseres Landes ein, die immer wieder herausgefordert oder gar angegriffen werden. Das mussten wir wieder mit Schrecken erfahren, als im Herbst eine rechtsextremistische Terror- und Mörderbande aufgedeckt wurde. In ihren Taten, die sie über mehr als ein Jahrzehnt unbehelligt begehen konnte, wurde ein unfassbares Maß an Hass und Fremdenfeindlichkeit sichtbar. Wir wissen, dass wir das Leid der Angehörigen der Opfer nicht wiedergutmachen können. Aber ihnen und uns gemeinsam sind wir es schuldig, die Taten umfassend aufzuklären und alle Beteiligten, auch die Helfershelfer, zur Rechenschaft zu ziehen.Es ist unsere Pflicht, die Werte unserer offenen und freiheitlichen Gesellschaft entschlossen zu verteidigen – jederzeit und gegen jede Form von Gewalt. Das ist eine Daueraufgabe – für die Politik wie für uns alle.

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

für jeden von uns bringt das neue Jahr seine ganz eigenen Herausforderungen mit sich. Das gilt auch für die Bundesregierung. Wir wollen, dass unser Land das bleiben kann, was es ist: menschlich und erfolgreich. Dazu wollen wir die Familien stärken, damit unser Land kinderfreundlicher wird. Wir werden die sozialen Sicherungssysteme so verändern, dass sie auch in Zukunft jedem die Hilfe und Leistung geben, die er braucht, zum Beispiel für die Pflege Alter und Kranker. Unsere Wirtschaft soll erfolgreich und unsere Lebensweise umweltverträglich sein. Deshalb wird unser Energiekonzept zügig umgesetzt. Die Finanzen sollen solide, das Finanzsystem krisenfest sein. Wir tun all das, weil wir nicht weiter zulasten der nächsten Generation, zulasten der Umwelt, zulasten der Zukunft leben dürfen. Wir müssen an das Morgen denken. Blicken wir einen Moment gemeinsam in die Zukunft: Wie wollen wir zusammenleben und denen helfen, die noch am Rande stehen? Wie sichern wir unseren Wohlstand? Wie lernen wir als Gesellschaft? Zu diesen Fragen habe ich mit über 100 Experten einen Dialog über Deutschlands Zukunft begonnen, und dazu möchte ich auch mit Ihnen ins Gespräch kommen.Ab Februar können Sie im Internet mit diskutieren und Vorschläge einbringen. Ich lade Sie alle ein: Machen Sie mit.
Der Dichter Heinrich Heine hat es auf den Punkt gebracht, als er geschrieben hat: „Deutschland – das sind wir selber.“ Für viele von Ihnen ist das Mitmachen ganz selbstverständlich und wichtig. Von dieser Tatkraft lebt unser Land. Sie macht es menschlich, und sie macht es erfolgreich. Dafür bin ich dankbar. Darauf baue ich. Auch in Zukunft.

Ich wünsche Ihnen und Ihren Familien ein frohes, gesundes und gesegnetes neues Jahr 2012.57

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Christian Wulff:

Weihnachtsansprache 2011

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Fröhliche Weihnachten, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger!

An diesem Weihnachtsfest grüße ich Sie alle: die Gläubigen, die heute der Geburt Jesu Christi gedenken – und all diejenigen, die einen anderen Zugang zu diesem Fest haben. Mit mir grüßen aus dem Schloss Bellevue Frauen und Männer, die meine Frau und ich in diesem Jahr kennengelernt haben. Sie haben uns alle beeindruckt, weil sie auf ganz unterschiedliche Art und Weise für andere da sind. Einfach so – weit über all das hinaus, was man eigentlich erwarten könnte. Sie helfen ihren Mitmenschen und stiften den Zusammenhalt, der unsere Gesellschaft letztlich trägt. Auf diesen Zusammenhalt wird es auch weiterhin entscheidend ankommen. Menschen machen sich Sorgen, nicht zuletzt um die Zukunft ihrer Kinder: Bekommen wir die Staatsschuldenkrise in Europa in den Griff? Was wird aus unserem Europa, das wir seit Jahrzehnten als Garant für Frieden und Wohlstand erleben? Ich bin zuversichtlich: Regierung und Opposition haben in den vergangenen Monaten unter höchstem Druck gemeinsam weitreichende Entscheidungen getroffen. In diesem Geist der Gemeinsamkeit wird es auch mit unseren Freunden in Europa und der Welt gelingen, den Weg aus der Krise zu gehen. Wichtig ist: Europa ist unsere gemeinsame Heimat und unser kostbares Erbe. Es steht für die großen Werte der Freiheit, der Menschenrechte und der sozialen Sicherheit. All das ist in unserem Europa nur gemeinsam zu erhalten. Wer etwas anderes sagt, findet vielleicht kurzfristig Beifall. Aber er irrt sich. Wir Deutschen haben selber immer wieder europäische Solidarität erfahren, und wir sind auch zukünftig solidarisch gegenüber Europa. Alle müssen in unserem Land in Sicherheit leben können. Das gilt für jede und für jeden. Umso stärker hat uns alle schockiert, dass rassistisch verblendete Verbrecher über viele Jahre Menschen ausländischer Herkunft geplant ermordet haben. Das haben wir nie für möglich gehalten. Ich habe dann die Angehörigen getroffen. Die Gespräche mit ihnen haben mich tief bewegt. Viele haben erzählt, dass sie nicht nur einen geliebten Menschen verloren haben, sondern plötzlich selbst verdächtigt wurden. Sogar Freunde und Verwandte zogen sich teilweise zurück. In unserem Land gibt es aber keinen Platz für Fremdenhass, Gewalt und politischen Extremismus. Wir schulden den Angehörigen und Freunden der Ermordeten und den Verletzten Mitgefühl und Respekt. Wir schulden nicht nur den Opfern die lückenlose Aufklärung dieser Verbrechen und die unnachsichtige Verfolgung der Täter und ihrer gewissenlosen Unterstützer. Wir schulden uns allen Wachsamkeit und die Bereitschaft, für unsere Demokratie und das Leben und die Freiheit aller Menschen in unserem Land einzustehen. Das fängt schon im Alltag an: Es hängt auch von mir selbst ab, welches geistige Klima in meiner eigenen Familie, in meiner religiösen Gemeinde, in meinem Stadtteil oder in meinem Verein herrscht. Offenheit für Fremde und Fremdes fängt ganz im Kleinen an – und vor allen Dingen bei den Kleinen. Mein dreieinhalbjähriger Sohn freut sich, wenn ich ihm abends das Buch „Irgendwie anders“ vorlese. Er schläft dann selig ein, weil er weiß, es ist gut, dass wir alle verschieden sind. Wir können gar nicht früh genug begreifen, wie dumm und schädlich Ausgrenzung oder gedankenlose Vorurteile sind. Lassen Sie uns gemeinsam an einer offenen Gesellschaft arbeiten. Eine offene Gesellschaft stellt sich auch ihrer Verantwortung für das Wohl der Menschen in anderen Teilen der Welt. Wir denken heute Abend deshalb auch an diejenigen, die sich weit weg von zu Hause für Frieden, Sicherheit und menschenwürdige Lebensbedingungen einsetzen, gerade an unsere Soldatinnen und Soldaten. Sie leisten nämlich einen Beitrag dazu, dass unsere Welt besser wird. Deutschland hat in der Welt einen guten Ruf. Auch deshalb, weil fast nirgendwo sonst die Bereitschaft anderen zu helfen so groß ist, wie bei uns – bei Katastrophen, Unglücksfällen und bei den regelmäßigen Aufrufen der großen Hilfsorganisationen. Dafür sagen mir viele im Ausland immer wieder ihren Dank – und diesen Dank will ich heute an Sie alle weitergeben. Denn wir können stolz sein auf unser Land. Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, liebe Gäste hier im Schloss Bellevue, Weihnachten ist das Fest des Friedens und der Gemeinschaft. Jede Gemeinschaft braucht Zeit. Das gilt für Partnerschaften, für Familien und für Freundschaften. Nehmen wir uns alle diese Zeit füreinander. Meine Frau und ich wünschen Ihnen frohe, gesegnete Weihnachten und dann ein gutes, erfülltes neues Jahr 2012!

1Wulff, Christian: „Weihnachtsansprache 2011“. In: Anhang dieser Arbeit, S. 26.

2Dr. Merkel, Angela: „Neujahrsansprache 2012“. In: Anhang dieser Arbeit, S. 22 f.

3[Anm. 1], a.a.O., S. 520

4Heidegger, Martin: „Sein und Zeit“. Max Niemeyer Verlag. Tübingen 1979. Hrsg. v. Edmund Husserl. S. 299.

5Die Angst offenbart im Dasein das Sein zum eigensten Seinkönnen, das heißt das Freisein für die Freiheit des Sich-selbst-wählens und -ergreifens. Die Angst bringt das Dasein vor sein Freisein für […] die Eigentlichkeit seines Seins als Möglichkeit, die immer schon ist.“ (ebd. S. 188)

6 Heideggers „Sein und Zeit“ erscheint 1927 zum ersten Mal.

7 Kant, Immanuel: „Kritik der reinen Vernunft“. Felix Meiner Verlag. Hamburg 1998. BA 77.

8Adorno, Theodor W.: „Ontologie und Dialektik“. Suhrkamp-Verlag. Frankfurt am Main 2002. Hrsg. v. Rolf Tiedemann. S. 221

9Es ist das amerikanische Lebensgefühl in einem sehr weiten Maß, daß das, was nichts anderes für sich hat als nun einmal historisch entstanden und ‚da‘ zu sein, – daß das eigentlich auf einen Müllhaufen gehört.“ (ebd.)

10Ebd. S. 219

11Ebd. S. 224. Der Begriff der Aura wird außerdem weiter unten näher erläutert.

12„[…] dieEntzauberung der Welt. Nicht mehr, wie der Wilde, für den es solche Mächte gab, muss man zu magischen Mitteln greifen, um die Geister zu beherrschen oder zu erbitten. Sondern technische Mittel und Berechnung leisten das.“ (Weber, Max: „Wissenschaft als Beruf“. Duncker & Humblot, 6. Auflage. Berlin 1975. S. 17)

13Vgl. Adorno, Theodor W.: „Ontologie und Dialektik“. Suhrkamp-Verlag. Frankfurt am Main 2002. Hrsg. v. Rolf Tiedemann. S. 225

14Ebd. S. 221

15 Schiller, Friedrich: „Die Götter Griechenlands“: „[…] Alle jene Blüten sind gefallen / Von des Nordes schauerlichem Wehn, / Einen zu bereichern unter allen, / Musste diese Götterwelt vergehn. / Traurig such ich an dem Sternenbogen, / Dich, Selene, find ich dort nicht mehr; / Durch die Wälder ruf ich durch die Wogen, / Ach! Sie widerhallen leer! […]“

16Adorno, Theodor W.: „Jargon der Eigentlichkeit. Zur deutschen Ideologie“. S. 415 – 523. In: Adorno, Theodor W.: „Negative Dialektik. Jargon der Eigentlichkeit“. Verlag stw. Frankfurt am Main 2003. S. 415.

17Bürgerliche Freiheit beispielsweise meint eine spezifische Ausformung der Freiheit, sie ist herrschaftlich gewährte Freiheit. Anderes Beispiel: Wenn man den Begriff Mensch definieren möchte, tut man ihm deshalb Gewalt an, da die Merkmale die unter diesen Begriff gedacht werden, immer auch empirisch und nicht gänzlich notwendig und allgemeingültig.

18Ebd. S. 417

19Ebd. S. 419

20Anmerkung: Der Frisör muss letztendlich doch nur am Tauschwert interessiert sein, egal ob nun wie gesprochen wurde.

21Adorno, Theodor W.: „Negative Dialektik. Jargon der Eigentlichkeit“. Verlag stw. Frankfurt am Main 2003. S. 69.

22„‘Ihr [Existenzphilosophie; H.R.] Sinn ist nur möglich, wenn sie in ihrer Gegenständlichkeit bodenlos bleibt.‚“ [Anm. 14], a.a.O., S. 431

23[Anm. 14], a.a.O., S. 419

24Benjamin, Walter: „Kleine Geschichte der Photografie“. S. 294. In: Zweitausendeins (Hg.): „Benjamin, Walter. Gesamelte Werke II. Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit und andere Schriften.“ Wunderkammer Verlag GmbH. Frankfurt am Main 2011.

25An einem Sommermittag ruhend einem Gebirgszug am Horizont oder einem Zweig folgen, der seinen Schatten auf den Betrachter wirft, bis der Augenblick oder die Stunde Teil an ihrer Erscheinung hat – das heißt die Aura dieser Berge, dieses Zweiges atmen.“ (ebd.)

26Benjamin, Walter: „Zentralpark“. A.a.O. S. 813. Oder: „Im flüchtigen Ausdruck einen Menschengesichts winkt aus den frühen Photografien die Aura zum letzten Mal.“ (Benjamin, Walter: „Das Kunstwerk“. S. 581. [Anm. 21], A.a.O.)

27Vgl. Benjamin, Walter: „‘Der Idiot‘ von Dostojewskij“. A.a.O. S. 339.

28Ergänzend zum Gedanken der Selbstbefriedigung des Kleinbürgertums schreibt Adorno an anderer Stelle, dass der Kleinbürger auf Grund seiner notwendig unterprivilegierten Lage im Kapitalismus tendenziell dazu strebt, seine eigene Position in der gesellschaftlichen Hierarchie zum besseren zu erhöhen und sich nach außen abgrenzt (vgl. Vorwurf der Oberflächlichkeit von denen „da oben“). (vgl. Adorno, Theodor W.: „Philosophische Terminologie. Zur Einleitung“ (Bd.1). Stw-Verlag, herausgegeben von Rudolf zur Lippe. Frankfurt am Main 1973. S. 145.

29Adorno, Theodor W.: „Jargon der Eigentlichkeit. Zur deutschen Ideologie“. S. 415 – 523. In: Adorno, Theodor W.: „Negative Dialektik. Jargon der Eigentlichkeit“. Verlag stw. Frankfurt am Main 2003. S. 419.

30Vgl. Mandel, Ernest: „Zur Faschismustheorie Trotzkis“. In: Gruppe Avanti (Hg.): „Theorien über den Faschismus“. Sozialistische Theorie & Geschichte, 1. Ausgabe. Berlin 1993. S. 2 – 15.

31[Anm. 26], A.a.O. S. 423

32Ebd. S. 420

33Vgl. Adorno, Theodor W.: „Vermischte Schriften II – Ästhetika. Miscellanea.“ Stw-Verlag. Frankfurt am Main 1986. S. 368.

34Vgl. Adorno, Theodor W.: „Soziologische Schriften II.2 – The Stars Down to Earth. Schuld und Abwehr.“ Stw-Verlag. Frankfurt am Main 1975. S. 361.

35Ebd.

36[Anm. 30], a.a.O., S. 369

37Gegenüber der Kunst vertritt die Philosophie das Nichtbegriffliche immer und bloß durch den Begriff, oder sie vertritt das, was nicht gedacht werden kann durch das Denken.“ (Adorno, Theodor W.: „Philosophische Terminologie. Zur Einleitung“ (Bd.1). Stw-Verlag, herausgegeben von Rudolf zur Lippe. Frankfurt am Main 1973. S. 87)

38Adorno, Theodor W.: „Jargon der Eigentlichkeit. Zur deutschen Ideologie“. S. 415 – 523. In: Adorno, Theodor W.: „Negative Dialektik. Jargon der Eigentlichkeit“. Verlag stw. Frankfurt am Main 2003. S. 420.

39Ein Beispielsatz solcherart paradoxer Einheit von Konkretion und Transzendenz: ‚Der Bildungsauftrag des deutschen Volkes.‘

40Heidegger, Martin: „Sein und Zeit“. Max Niemeyer Verlag. Tübingen 1979. Hrsg. v. Edmund Husserl. S. 173.

41Vgl. [Anm. 35], a.a.O., S. 422

42Ganz ähnlich glaubt man im allgemeinen, daß ein Denken dann tief sei, wenn es auf Tiefes sich beruft, wenn es Tiefes glorifiziert und von Tiefe peroriert. Dabei sieht man nicht, daß diese sogenannte Tiefe wahrhaft nur eine Qualität im Gesamten, in der Beziehung des Denkens auf die Realität sein kann […].“ ([Anm. 34], a.a.O., S. 141

43Ebd. S. 422

44Gebrauchswerte bilden den stofflichen Inhalt des Reichtums, welches immer seine gesellschaftliche Form sei. In der von uns betrachteten Gesellschaftsform bilden sie zugleich die stofflichen Träger des – Tauschwerts.“ (Marx, Karl: „Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band.“ Karl Dietz Verlag. Berlin 2008. S. 50)

45Horkheimer, Max & Adorno, Theodor W.: „Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragemente“. Fischer Taschenbuch Verlag. Frankfurt am Main 1998. S. 131.

46Adorno, Theodor W.: „Jargon der Eigentlichkeit. Zur deutschen Ideologie“. S. 415 – 523. In: Adorno, Theodor W.: „Negative Dialektik. Jargon der Eigentlichkeit“. Verlag stw. Frankfurt am Main 2003. S. 423.

47Adorno, Theodor W.: „Philosophische Terminologie. Zur Einleitung“ (Bd.1). Stw-Verlag, herausgegeben von Rudolf zur Lippe. Frankfurt am Main 1973. S. 85.

48[Anm. 43], a.a.O., S. 425

49Horkheimer, Max & Adorno, Theodor W.: „Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragemente“. Fischer Taschenbuch Verlag. Frankfurt am Main 1998. S. 163.

50Ebd.

51Vgl. Adorno, Theodor W.: „Theorie der Halbbildung“. Suhrkamp-Verlag, 1.Auflage. Frankfurt am Main 2006. S. 46.

52Ebd.

53[Anm. 43], a.a.O., S. 427

54Ebd. S. 430

55Ebd. S. 433

56Adorno, Theodor W.: „Vorlesung über Negative Dialektik“. Stw-Verlag, herausgegeben v. Tiedemann, Rolf. Frankfurt am Main 2003. S. 28.

57Dr. Merkel, Angela: „Neujahrsansprache 2012“. Auf (html): http://www.bundesregierung.de/Content/DE/Bulletin/2012/01/01-1-bk-neujahr.html;jsessionid=3D841DF69F4A1FCC97DC5F6139EC3F02.s4t2

(abgerufen am 24.02.2012 um 20¹⁴ Uhr)

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