Burnout – der Darling unter den psychischen Leiden

Warum Manager ausbrennen und Arbeitslose depressiv sind

Von Mindy Simmons

Fragen und Antworten zum Burn-Out-Syndrom

Was passiert bei einem Burn-Out-Syndrom?
Ungefähr das gleiche, wie wenn man beim Grillen einen Föhn in die Kohle hält: Man will zu schnell zu viel, hat am Ende jede Menge Asche, aber es schmeckt einem nichts mehr so richtig.

Was ist der Unterschied zwischen einer Depression und einem Burn-Out?
Depressionen kann jeder bekommen: dicke Teenager, Frauen im Wochenbett und andere Schwächlinge. Ein Burn-Out ist dagegen etwas für echte Macher und Leistungsträger, man erarbeitet es sich regelrecht.

Wieso können Burn-Out-Kranke nicht einfach nach ein paar Wochen Ruhe und Erholung in ihren Job zurückkehren?
Weil es wenig überzeugend wirkt, wenn die Leute wieder genau den Leistungsdruck generieren sollen, der vor kurzem noch ihren eigenen Körper und Geist überlastet hat.

Kann jeder ein Burn-Out bekommen?
Nein. Hartz-IV-Empfänger z.B. erwischt bestenfalls so etwas wie Trägheit. Denn wo nie etwas richtig brannte, kann auch nichts verglimmen. Deswegen helfen hier im Gegensatz zum Burn-Out auch nur regelmäßige Tritte in den faulen Arsch. 
1

Mit diesem Zitat, am 23.09.2011 veröffentlicht im Newsticker der Homepage des Satiremagazins Titanic, ist eigentlich alles gesagt, bzw. lässt es sich durch ein paar Umwege herauslesen. Zuerst springt die Gegenüberstellung von Burnout und Depression ins Auge. Deshalb wird es im Folgenden erst einmal darum gehen zu klären, was überhaupt unter dem jeweiligen zu verstehen ist. Selbstverständliches gibt es nicht.

Burnout ist seit einigen Jahren ein Begriff, der jedem von uns begegnet und der uns nicht fremd erscheint. Ein intuitives Verständnis ist gegeben: jemand mit Burnout ist eben ausgebrannt von zu viel Arbeit, darauf können sich wahrscheinlich alle einigen. Jedoch wird es ab diesem Punkt schwieriger. Schon bei einem kurzen Streifzug durch die zahlreichen Veröffentlichungen zu dem Thema wird klar, dass überhaupt nichts klar ist. Allein schon die hohe Anzahl der Experten zeigt ein heterogenes Bild: von Allgemeinmedizinern, über diverse Coaches (z.T. auf Burnout spezialisiert), bis zu verschiedensten Psychiatern und Psychologen ist alles vertreten. „30 Minuten gegen Burnout”, „Top im Job – ohne Burnout durchs Arbeitsleben“, “Burnout. Wenn Arbeit, Alltag & Familie erschöpfen” oder „Das Burnout-Syndrom” lauten einige der Titel. Von Ratgeberliteratur bis hin zur wissenschaftlichen Beschäftigung ist alles zu haben. Die Vielfalt mag vielleicht auf die Popularität des Themas zurückführbar sein – jeder möchte ein Stück mit dem Burnoutzug hin zum Erfolg fahren. Aber hier hört es noch lange nicht auf. Nicht nur die Behandlungs- oder Vorbeugungsideen in diesen Büchern unterscheiden sich stark, schon was überhaupt unter einem Burnout zu verstehen ist, fällt schwer eindeutig auszumachen.

Es gibt keine einheitliche Definition von Burnout. Man begnügt sich stattdessen mit entnervend langen Listen von Symptomen. Im Folgenden wird eine Aufzählung vorgenommen, die jedoch keinerlei Vollständigkeit beanspruchen möchte (the list is long, baby!): (emotionale) Erschöpfung, mangelnde emotionale Anteilnahme, Verlust von Idealismus, Humorlosigkeit, Niedergeschlagenheit, zunehmende Distanz zur Arbeit und im Folgenden auch zu anderen sozialen Kontakten, Abnahme der soziale Kontakte, Resignation, erhöhter Genussmittelkonsum, Freudlosigkeit, verminderte Belastbarkeit, Motivationslosigkeit, Verlust von Kreativität, Schwierigkeiten morgens aus dem Bett zu kommen, Kopfschmerz, Verdauungsschwierigkeiten, Herzklopfen, erhöhter Blutdruck, Spannungsgefühl im Brustbereich, Muskelverspannungen, Konzentrationsstörungen, Pessimismus, Gefühl der inneren Leere, vermindertes Selbstwertgefühl und Rückenschmerzen. Das waren jetzt 26 Kriterien, die sich sehr häufig finden, jedoch erweiterbar oder verallgemeinerbar sind, so dass das alles doch ziemlich unklar ist.

Neben den Symptom-Listen gibt es auch einen Haufen Definitionen, die jeweils ganz eigene Schwerpunkte setzen. Burnout ist:

  • ein Zustand der Ermüdung oder Frustration, herbeigeführt durch eine Suche, einen Lebensstil oder eine Beziehung, die nicht die erwartete Belohnung mit sich brachte.“ (Freudenberger/Richelson)

  • ein Zustand physischer, emotionaler und mentaler Erschöpfung aufgrund langanhaltender Einbindung in emotional belastende Situationen.“ (Pines/Aronson)

  • ein Syndrom emotionaler Erschöpfung, Depersonalisation und persönlicher Leistungseinbußen, das bei Individuen auftreten kann, die in irgendeiner Form mit Menschen arbeiten.“ (Maslach)

  • ein Syndrom unangemessener Einstellungen gegenüber Klienten und sich selbst, oft in Verbindung mit unangenehmen physischen und emotionalen Symptomen.“ (Kahn)

  • ein Prozess, in dem sich ein ursprünglich engagierter Mitarbeiter von seiner Arbeit zurückzieht, als Reaktion auf Beanspruchung und Belastung im Beruf.“ (Cherniss)1

Durch die zitierten Definitionen und die aufgezählten Symptome wird viel zu wenig klar. Weder weiß man, ab wann von einem Burnout gesprochen werden kann, noch wo es eigentlich aufhört. Es ist oft nicht eindeutig, ob Aspekte positiv oder negativ gewertet werden sollten: Ist eine gewisse Distanz zum Arbeitsleben nun gesund, oder ist das schon ein Schritt in Richtung Burnout? Wie viele Symptome müssen für ein Burnout vorliegen? Und zu guter Letzt ist selbst die gewählte Darstellung eher Geschmackssache. Manche bevorzugen Phasenmodelle – von drei bis sieben Phasen ist alles zu haben –, manche begnügen sich mit langen Listen von Symptomen und einige bevorzugen den allseits bekannten Teufelskreis (ein sich selbst verstärkender Kreislauf). Besonders hervorzuheben sind diejenigen, die per Ferndiagnose verschiedenen, mittlerweile schon seit einigen Jahrzehnten verstorbenen, Berühmtheiten ein Burnout attestieren. Wittgenstein, Meister Eckhart und zu guter Letzt sogar Moses („Es ist nicht gut, wie du das tust. Du machst dich zu müde, dazu auch das Volk, das mit dir ist. Das Geschäft ist dir zu schwer, du kannst es allein nicht mehr ausrichten“) litten unter Burnout.

Eine gute Zusammenfassung der Situation findet sich in dem doch recht empfehlenswerten Buch Die Burnout-Epidemie von Hillert und Marwitz, zwei Psychologen, die etwas von Ihrem Fach zu verstehen scheinen: „Damit eine Diagnose als solche überhaupt funktionieren kann, müssen Diagnosekriterien eine klare Zuordnung gewährleisten. In unserem Fall müssten sich also Nichtausgebrannte und Ausgebrannte anhand definierter Kriterien möglichst eindeutig unterscheiden lassen. Von diversen Autoren und in Burnout-Fragebögen werden nun durchaus Kriterien aufgelistet. Ihre Zahl ist aber sehr groß. Zudem bleiben sie derart allgemein, unscharf und in ihrem konkreten Verhältnis zur Diagnosestellung undefiniert, dass sie letztlich jeder erfüllen kann, der sich selbst ernsthaft als ausgebrannt erlebt”2.

Burnout ist keine anerkannte psychische Erkrankung. In der ICD-10, dem Klassifikationssystem von Krankheit und Gesundheitsproblemen, herausgegeben von der Weltgesundheitsorganisation, ist Burnout keine psychische Erkrankung, die werden unter dem Buchstaben F abgehandelt. Burnout, bzw. im ICD-10 ‚Ausgebranntsein‘, findet sich unter dem Buchstaben Z in der Kategorie ‚Faktoren, die den Gesundheitszustand beeinflussen und zur Inanspruchnahme des Gesundheitswesens führen‘, Untergruppe 70-76: ‚Personen, die das Gesundheitswesen aus sonstigen Gründen in Anspruch nehmen‘, dort steht das Burnout dann unter der Nummer Z73.0, gleich als erstes in der Kleingruppe ‚Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung‘, gefolgt von Dingen wie ‚Mangel an Entspannung und Freizeit‘, ‚unzulängliche soziale Fähigkeiten, anderenorts nicht klassifiziert‘ oder auch ‚Sozialer Rollenkonflikt, andernorts nicht klassifiziert‘. Burnout ist also von offizieller Seite keine Krankheit, keine Krankenkasse in Deutschland wird eine Burnoutbehandlung bezahlen. Trotzdem wird dieses Syndrom immer wieder von Ärzten und Psychologen diagnostiziert. Für ein wenig Beratung ist dies möglich. Wenn es jedoch einer Behandlung bedarf, dann muss auch eine Krankheit diagnostiziert werden. Deshalb kann Burnout von eigentlich allen behandelt werden, Burnoutberater ist ein recht freier Begriff.

Im Gegensatz zum Burnout ist die Depression fester Bestandteil der Kategorie F, den psychischen Krankheiten. Sie wird in folgender, etwas gekürzter Weise definiert: „Die Symptome von Depression äußern sich in fünf Bereichen: Emotion, Motivation, Verhalten, Kognition und im körperlichen Bereich. Emotionale Symptome: Die meisten depressiven Menschen sind extrem traurig und niedergeschlagen. Sie beschreiben ihre Stimmung mit ‚miserabel‘, ‚leer‘ und ‚ganz unten‘. Sie geben an, sie könnten sich kaum an etwas freuen und hätten keinen Sinn mehr für Humor. Manche depressive Menschen empfinden auch Angst, Wut oder Nervosität […]. Motivationale Symptome: Depressive Menschen verlieren gewöhnlich das Interesse an ihren gewohnten Aktivitäten. Fast alle berichten von einem Mangel an Antrieb, Unternehmungslust und Spontanität. Meist müssen sie sich zwingen, zur Arbeit zu gehen, sich mit Freunden zu unterhalten, zu essen oder sexuell aktiv zu sein. […] Verhaltenssymptome: Das Aktivitätsniveau depressiver Menschen fällt gewöhnlich dramatisch ab. Sie verbringen mehr Zeit alleine und bleiben unter Umständen oft lange im Bett. […] Ein anderes kognitives Symptom der Depression ist eine negative Sicht der Zukunft. Depressive Menschen sind gewöhnlich überzeugt, dass nichts je besser werden wird. Sie erwarten das Schlimmste und neigen daher zur Untätigkeit. […] Menschen mit Depressionen klagen häufig darüber, dass sich ihre geistigen Fähigkeiten verschlechterten. […] Somatische Symptome: Depression ist häufig begleitet von körperlichen Symptomen wie Kopfschmerzen, Verstopfung, Benommenheit, unangenehmen Empfindungen in der Brust und allgemeinen Schmerzen. […] Appetit- und Schlafstörungen sind besonders verbreitet.”3 Weiterhin heißt es dort: „Depressive Episoden scheinen häufig von belastenden Ereignissen ausgelöst zu sein. Dementsprechend wurde in zahlreichen Studien festgestellt, dass depressive Menschen als Gruppe kurz vor dem Beginn ihrer Störung eine größere Anzahl belastender Lebensereignisse im selben Zeitraum durchmachen als nicht depressive Menschen.”4

Dementsprechend sind nicht nur die Titanic, sondern auch alle Depressionsforscher der Meinung, dass Burnout eine besondere Form der Depression ist. Die Leiterin der ‚Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie‘ der Charité, Isabelle Heuser, sagte in einem Interview mit der Psychologie Heute: „Burnout ist in der Tat keine wie auch immer geartete neue, vorher nie dagewesene Erkrankung der modernen Zeit. Es handelt sich vielmehr um eine spezifische, meist berufsbezogene Form der Depression.5 Damit wäre zugleich der einzige Unterschied genannt, den es zwischen Burnout und Depression gibt: das Burnout ist durch Arbeit (oder mindestens durch Anstrengung/Leistung) erworben.6

Dies erscheint umso interessanter, wenn ein Blick auf die Herkunft des Burnout-Konzeptes geworfen wird.

Seinen ersten Auftritt hatte der Burnoutbegriff im Jahr 1974, als Herbert J. Freudenberger, ein Psychoanalytiker und Psychotherapeut, der nach der Arbeit in seiner Praxis noch in einer ‚free clinic‘ Drogenabhängige und Obdachlose behandelte, einen Aufsatz mit dem Titel ‚The Staff Burnout‘ veröffentlichte. Er schrieb dort über die belastenden Arbeitsbedingungen von im sozialen Bereich tätigen Menschen: „Diejenigen von uns, die in kostenlosen Einrichtungen, therapeutischen Gemeinschaften, bei der Telefonseelsorge, in Kriseninterventionszentren, Frauenhäusern, Einrichtungen für Homosexuelle und für Außenseiter arbeiten, sind Menschen, die sich um die offensichtlichen Bedürfnisse der Menschen kümmern. Wir würden eher aufbauen als aufgeben. Und was wir aufbauen, sind unsere Talente und unsere Fähigkeiten, was wir einbringen, sind Überstunden für ein Minimum an finanziellem Ausgleich. Aber genau wegen dieses Engagements tappen wir in die Burnout-Falle. Wir arbeiten zu viel, zu lange und zu intensiv. Wir fühlen einen inneren Druck zu arbeiten und zu helfen, und wir fühlen einen Druck von außen zu geben. Wenn das Teammitglied dann noch zusätzlich Druck von der Verwaltung spürt, noch mehr zu geben, dann befindet es sich unter einem dreifachen Druck”7.

Es zeigt sich deutlich, dass Freudenberger, im Gegensatz zu heutigen Veröffentlichungen zu dem Thema, einen ganz spezifischen Bereich und ein ganz spezifisches Phänomen vor Augen hat, bzw. über dieses schreiben möchte. Freudenberger hatte die Arbeitsbedingungen im Sinn, dementsprechend finden sich am Schluss des eben zitierten Aufsatzes einige Gestaltungsempfehlungen bezüglich dieser Arbeitsbedingungen. Er schlägt Dinge vor wie ein Trainings- und Eingewöhnungsprogramm für neue Mitarbeiter, Abklärung der individuellen Motivation und der Vorstellungen über ihre Tätigkeit von potentiellen, neuen Mitarbeitern, der mit der wirklichen Arbeit abgeglichen werden kann, oder auch einen regelmäßigen Austausch im Kollegenkreis über die Belastungen und den Umgang damit.

Der Burnoutbegriff hatte also seiner Herkunft nach einmal den Sinn, die Arbeitsbedingungen von Menschen, die im sozialen Bereich arbeiten, zu verbessern; bzw. Verbesserungen in diesem Bereich zu fordern. Jedoch sollte beachtet werden, dass es sich lediglich um eine Forderung nach Verbesserungen der subjektiven Arbeitsbedingungen, nicht der objektiven handelt. Die Verbesserungsforderungen beziehen sich nicht auf angemessene Bezahlung, Arbeitszeiten, etc., sondern es geht eher darum, dass die Mitarbeiter funktionieren.

Diese subjektive Ader hat sich heute in noch stärkerer Form durchgesetzt. In der aktuellen Literatur wird wieder alles ins Subjekt verlegt, die Verhältnisse werden höchstens am Rande wahrgenommen, dann aber auch nicht weiter beachtet. Es wird darüber diskutiert, ob Burnout und Depression nun dasselbe oder unterschiedliches sind, es werden reihenweise Vorbeugungsmaßnahmen genannt: gesunde Lebensführung, ausreichend Freizeit, genügend Abstand zur Arbeit, sowie Arbeit, die erfüllt, sind die wohl häufigsten Ratschläge. Aber kein Psychologe, Psychiater, Allgemeinmediziner oder Burnoutcoach kommt auf die Idee, nach den Bedingungen, unter denen Menschen krank von ihren Arbeitsverhältnissen werden, zu fragen. Da wird höchstens noch festgestellt, dass es eben so ist. Wenn überhaupt. Zwei Zitate, die das eben gesagte exemplarisch belegen sollen: „Das Problem hat meistens nichts mit der Arbeit an sich zu tun, sondern mit unserer Einstellung und Haltung dazu. Wer einer Tätigkeit nachgeht, die ihm am Herzen liegt, und wer die Balance zwischen den verschiedenen Aspekten des Lebens, die ihm wichtig sind, gefunden hat, der kann Berge versetzen und hält Rückschläge aus. Auch Stress allein ist nicht das Problem, eher schon die Art und Weise, wie wir mit dem Stress umgehen. […] In diesem Buch beschreibe ich die Wirkung meines Coachings auf erfolgreiche Menschen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt in ihrem Leben feststellten, dass alles, was früher so selbstverständlich erschien, nun nicht mehr selbstverständlich ist.”8 Und wer das schon ein wenig hart findet, kann nur – nun ja, sagen wir – staunen, wenn folgendes zitiert wird: „Es ist ‚Ihr‘ Organismus, der Ihnen etwas sagen will. Und es ist ‚Ihr‘ persönliches Burnout. Die Symptomatik vieler Burnoutpatienten ähnelt sich. Burnoutpatienten haben viele Gemeinsamkeiten, die Burnout erst ermöglichen. Aber kein Burnout gleicht dem anderen. ‚Ihr‘ Burnout bedeutet, dass es Ihnen möglicherweise etwas ganz anderes sagen möchte, als das Burnout ihres Arbeitskollegen demselben.”9 Diese Selbstbesinnungssprache, die den Leser für ein wenig dumm zu halten scheint, ist natürlich unerträglich, oder irgendwie lustig. Sicherlich eines von beiden. Aber dass es eine gesellschaftlich akzeptierte Möglichkeit gibt, sich ein wenig mit sich selbst, mit dem was einem wichtig ist, oder glücklich macht zu beschäftigen, also sich schlussendlich Gedanken über die eigenen Bedürfnisse machen zu können, das ist gar keine so schlechte Sache. Depression gilt dieser akzeptierte gesellschaftliche Rahmen nicht, Burnout ermöglicht das. Natürlich lässt sich an dieser Stelle nicht zu unrecht anmerken, dass die Beschäftigung mit den eigenen Bedürfnissen für einige Zeit eigentlich zum Ziel hat, das Funktionieren für den Arbeitsmarkt, den Steuertopf, die Wirtschaft und all das zu ermöglichen. Mitmachen. Nützlich sein. Die Betroffenen selbst wollen dies, aber auch Staat und Wirtschaft möchten eine gesunde Bevölkerung bzw. Mitarbeiter mit viel Produktivität und wenig Kosten. Aber genauso beachtlich ist die Komponente der sozialen Abgrenzung hierbei, man möchte schon fast von Klassenidentität sprechen, welche auch durch den Burnoutbegriff ermöglicht wird. Um dies klar darzustellen, ist ein weiterer historisch orientierter Blick notwendig. Und zwar etwa 130 Jahre zurück in die Vergangenheit. Dort stößt man schnell auf den Begriff der Neurasthenie.

Die Neurasthenie war eine Erkrankung, die gegen Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts sich großer Popularität erfreute. Zu erster Berühmtheit kam sie durch den Neurologen Georg Miller Beard, der seit 1866 eine eigene Praxis in New York führte. In dem 1869 veröffentlichten Aufsatz ‚Neurasthenie, oder nervöse Erschöpfung‘ listet Beard folgende Symptome auf: „allgemeines Krankheitsgefühl, Schwäche aller Körperfunktionen, schlechter Appetit, anhaltenden Kraftlosigkeit […], flüchtige Nervenschmerzen, Hysterie, Schlaflosigkeit, Hypochondrie, Abneigung gegen regelmäßige und anhaltende geistige Tätigkeit, starke kräftezehrende Kopfschmerzattacken und ähnliche Symptome”10. Neurasthenie wird eine eindeutige Herkunft zugeschrieben, sie kommt durch geistige Arbeitsbelastungen zustande. Es ist die sich so schnell wandelnde, neue Zeit und der damit einhergehende Wandel in den Lebens- und Arbeitsbedingungen der Menschen. Dementsprechend trifft sie laut Beard ausschließlich die (städtischen) Mittel- und Oberschichten. Die naturverbundene Landbevölkerung oder die Arbeiter in den Fabriken, bei denen konnte man keine Neurasthenie finden. „Der wichtigste und primäre Grund dieser Entwicklung und des sehr starken Anstiegs der Nervosität ist die moderne Zivilisation, die sich von den älteren Kulturen durch fünf Charakteristika unterscheidet: Dampfkraft, regelmäßig erscheinende Zeitungen, Telegraphen, die Wissenschaften und die geistige Aktivität von Frauen”11. Deshalb war die Neurasthenie keine ‚richtige Krankheit‘, sondern nur eine (vorübergehende) Schwäche der Nerven. Sie war weder verursacht durch eine Degeneration des Nervensystems, noch ist sie erblich bedingt. Vielmehr war es eine Auszeichnung an Neurasthenie zu erkranken; wer dies hatte, der gehörte zu den damaligen Leistungsträgern, der arbeitete hart. Neurasthenie als Auszeichnung, anstatt psychische Krankheit als degeneratives Merkmal.

Als Erklärung wurde vielmehr ein Batteriemodell bevorzugt: durch die anstrengende geistige Arbeit und die turbulenten Lebensverhältnisse wird zu viel Energie verbraucht, so dass die Speicher dann wieder aufgeladen werden müssen. Dementsprechend galt Beard die damals sowieso schon populäre Elektrotherapie als beste Behandlungsmethode. Natürlich in einem entspannten Sanatorium in den Bergen oder am Meer, so dass die zu behandelnde Person Entspannung finden konnte. Erfolg hatte das Neurasthenie-Konzept zuerst bei der Bevölkerung, nicht in den anerkannten akademischen Kreisen. Die in eigener Praxis behandelnden Ärzte und ihre Patienten waren es, die dieses Neurasthenie-Konzept bevorzugten und bekannt machten12, so dass im Folgenden auch die akademische Wissenschaft begann, sich für dieses Nervenschwächekonzept zu interessieren.

Eigentlich war man gar nicht krank, nur nachhaltig erschöpft und deshalb behandlungsbedürftig. Neurasthenie war somit ein medizinisch-wissenschaftlich erwiesener, zudem gesellschaftlich akzeptierter Grund, um sich zumindest zeitweise von Verpflichtungen entbinden lassen zu können, ja zu müssen.”13

Die Parallelen zum Burnout sind kaum zu übersehen: Von Praktikern erdacht, von der Bevölkerung dankbar aufgegriffen, verursacht durch das schnelle Leben. Weder Burnout noch Neurasthenie sind psychische Krankheiten, sondern vorübergehende Erscheinungen, die eine eingehenden Beschäftigung mit sich selbst ermöglichen.

Genauso klar wird jedoch auch, dass sich durch den Vergleich mit der Neurasthenie, vor allem den Erklärungen der Neurasthenie, eindrucksvoll ein gesellschaftlicher Distinktionsmechanismus zeigt, der heute im Gewand des Burnout auftritt.

Es geht darum, die Fleißigen, die Nützlichen von den Unterlegenen, den Verlierern abzugrenzen. Mitgenommen durch Anstrengungen des Lebens in Gesellschaften mit kapitalistischer Produktionsweise, das sind eigentlich alle (weltweit). Dabei ist die psychische Erkrankung sowieso den eher wohlhabenderen Ländern vorbehalten, dort findet sich dann der Abgrenzungsmechanismus Burnout-Depression. Ein Burnout ist eine Art Leistungsmedaille (wer ausbrennt, der muss einmal gebrannt haben), eine Depression ist für Verlierer.

Was sich beobachten lässt, ist mit dem Stichwort Kämpfe um soziale Anerkennung recht gut zu beschreiben. Die Achse Burnout-Depression bildet hierbei die Frontlinie. Die Manager, Berater, Wissenschaftler, Kreative oder auch die Prominenten sind auf der sicheren Burnout-Seite. Die Arbeitslosen, sowie der ganze Rest von der sozialen Abbruchkante, die haben Depressionen. Mittendrin lassen sich die Lehrer, aber auch einige andere Beamte verorten. „Betroffene, die mit dieser Frage konfrontiert werden, reagieren mitunter schroff. ‚Ich kann einfach nicht mehr arbeiten, mich nicht mehr konzentrieren, wenn Sie in meiner Haut stecken würden, dann wüssten Sie, dass Burnout eine Krankheit ist‘, so ein 46jähriger Gymnasiallehrer“14. Dies ist jedoch nicht nur ein Kampf um symbolische Formen der Anerkennung und der Distinktion, sondern zugleich ein wesentlich materieller, nämlich einer um die rechtliche Anerkennung von Burnout als Berufskrankheit. Hierbei geht es natürlich um sehr viel Geld.

Eine andere Linie verläuft zwischen denjenigen, welche mit Burnout oder Depression ihr Geld verdienen wollen: Die vielen Coaches haben wenig Interesse an einer offiziellen Anerkennung und gar keines daran, eine Unterkategorie der Depression zu sein: Dann ist das eine von staatlich autorisierten Berufsgruppen zu behandelnde Erkrankung. Die Depressionsforscher legen dementsprechend Wert auf Burnout als Unterkategorie, klar.

Alle haben also ihre Interessen (die eben gegebene Schilderung bietet kein Gesamtbild, sondern lediglich eine Impression, die reale Lage ist wesentlich wuseliger), die sich gut anhand der Linie zwischen Depression und Burnout entfalten lassen. Die objektiv gegebenen Arbeitsbedingungen hat jedoch niemand im Auge. Der Begriffserfinder forderte immerhin Verbesserungen; dieses jedoch von allem, um die Mitarbeiterzufriedenheit sicherzustellen. Heute wird das Individuum noch stärker ins Visier genommen. Gesundes Leben und Maß halten in allen Lebensbereichen, so dass ein zufriedenstellendes Funktionieren für alle Beteiligten gewährleistet ist. Der Standort Deutschland freut sich. Zugleich dient das Burnout-Konzept vor allem der Abgrenzung nach unten: Leute, die etwas leisten, haben Burnout. Alle anderen sind dicke Teenager.

1 Eine sehr ausführliche Darstellung von Burnoutdefinitionen können dem Buch ‚Das Burnout-Syndrom’ (2010), verfasst von Burisch, entnommen werden.

2 Hillert/Marwitz (2006): Die Burnout-Epidemie, S. 165.

3 Comer: Klinische Psychologie, S. 215.

4 Comer: Klinische Psychologie, S. 217.

5Psychologie Heute (2011): Isabelle Heuser im Gespräch, H. 12, S. 31.

6Dies zeigt sich an den zunehmenden Veröffentlichungen mit Titeln wie beispielsweise ‚Burnout bei Müttern‘.

7Freudenberger, zitiert nach Hillert/Marwitz (2006): Die Burnout-Epidemie, S. 41.

8Karsten (2010): Die Anti-Burnout-Strategie, S. 8

9Schmiedel (2010): Burnout. Wenn Arbeit, Alltag und Familie erschöpfen, S. 16.

10Beard (1869): Neurasthenia, or Nervous Exhaustion, in: Boston Medical and Surgical Journal, S. 218. Wichtig hierbei zu beachten ist, dass min. Hysterie und Hypochondrie zur damaligen Zeit eine andere Bedeutung hatten als heute. Bei Interesse einfach mal googeln.

11Beard (1882): American Nervousness, S. VI.

12Eine interessante, aber für diesen Aufsatz nebensächliche Folge der Popularität des Neurasthenie-Konzeptes war 1886 die Erfindung eines wohltuenden Gegenmittels, welches aus Cola-Nuss und Coca-Blättern bestand. Dieses wurde etwas später als Erfrischungsgetränk vermarktet und ist uns allen unter veränderter Rezeptur, die nur noch dem Namen nach die anregenden Substanzen enthält, bekannt: Ohne Neurasthenie keine Coca-Cola.

13Hillert/Marwitz (2006): Die Burnout-Epidemie, S. 194.

14Hillert/Marwitz (2006): Die Burnout-Epidemie, S. 183.

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Ein Kommentar

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