Burnout – Sichtweise eines praktizierenden Mediziners

Interview geführt von: Lena Magda

Prof. Dr. med. Dipl.-Psych. Stark ist Leiter des Instituts für Verhaltenstherapie und
innovative Versorgungsformen am Asklepios Westklinikum Hamburg. Außerdem ist er
Deputy Vize President Europe der World Association for Psychosocial Rehabilitation. 
Aufgrund seiner langjährigen Erfahrung als Therapeut und Forscher ist er mit den Störungsbildern und Erkrankungen im psychischen Bereich vertraut.

Herr Prof. Dr. Stark stand uns dankenswerterweise zu einem Interview zum Thema Burnout zur Verfügung.

Herr Professor Stark, was versteht man in der Medizin unter dem Burnout-Syndrom und inwiefern unterscheidet es sich von der Depression?

Burnout ist keine medizinische Diagnose. Sie kommt in keiner der gängigen Nomenklaturen wie ICD oder DSM vor – berechtigterweise, weil die medizinischen Diagnosen nicht nach dem Ursachenprinzip vorgehen, sondern nach der Beschreibung der Symptomatik. Burnout aber ist ja mit einer Hypothese der Ursache verknüpft, nämlich Überlastung und Ausbrennen bedingt durch die Arbeitssituation. Es gibt natürlich auch Burnout im familiären Bezug, aber die Hypothese, die dahinter steht, bedeutet eben Überlastung, oder aber eine spezielle Unfähigkeit mit Belastung umzugehen.

Was sind Ihrer Erfahrung nach Hauptsymptome des Burnouts?

Wie bei fast allen psychischen Erkrankungen, spielen sich die Symptome des Burnouts auf drei Ebenen ab: In der Psychosomatik, also auf körperlicher Ebene, im sozialen Umgang und auf emotionaler Ebene.

Zu den körperlichen Symptomen können gehören: Die Unfähigkeit zur Entspannung, Schlafstörungen, Einschlafstörungen, nachts immer wieder wach liegen, in aller Frühe aufwachen und nicht mehr einschlafen können. Mit Schmerzen signalisiert der Körper seine Erschöpfung wie Muskelverspannungen, Kopfschmerzen und Rückenschmerzen. Es können auch Magen-Darm-Beschwerden auftauchen und starkes Herzklopfen, zu schneller Puls und erhöhter Blutdruck bis hin zu einem Engegefühl in der Brust.

Im sozialen Umgang kommt es zu Schwierigkeiten Freizeitaktivitäten einzuhalten, der Fernsehapparat ist oft nur noch der einzige Kontakt zur Außenwelt. Alkohol- und Zigarettenkonsum nehmen zum Teil zu, eine vermeintliche Maßnahme zum Abbau der Anspannung. Es kann sogar zum Missbrauch von Beruhigungsmitteln kommen. Anspannung zeigt sich auch in gestörtem Essverhalten, es kommt zum Abmagern oder zur ungewöhnlichen Gewichtszunahme. Schließlich haben diese ganzen Veränderungen auch ihre negativen Auswirkungen auf das direkte soziale Umfeld, Freunde gehen verloren, Anspannung und Probleme in der Partnerschaft und den Familien tauchen auf.

Auf der emotionalen Ebene finden sich vermehrt Gefühle der Hilfslosigkeit, Unzulänglichkeit und Unfähigkeit, die schnell zu einem verringertem Selbstwertgefühl führen können. Hinzu kommen starke Stimmungsschwankungen, Ungeduld, Nervosität, bis hin zu Pessimismus, Fatalismus und einem Gefühl von innerer Leere und der Apathie.

Der Begriff Burnout ist erstmals in den 70er Jahren im Zusammenhang mit Pflegeberufen aufgetaucht. Er wurde dann schnell populär und auch auf weitere Berufsgruppen erweitert. Inzwischen werden die ihm zugeschriebenen volkswirtschaftlichen Kosten laut der Europäischen Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz in der EU jährlich auf 15-20 Mrd. Euro geschätzt. Ist die Inzidenz tatsächlich gestiegen oder sind wir schlichtweg aufmerksamer geworden?

Also die Inzidenz der psychischen Krankheiten ist gestiegen, jetzt nicht unbedingt speziell Burnout, obwohl meine persönliche Meinung ist, dass das sicherlich einen hohen Anteil davon hat. Und die schweren psychischen Erkrankungen wie Schizophrenie oder manisch-depressive Erkrankungen oder die schweren Depressionen, die sind weltweiten Untersuchungen nach relativ stabil geblieben. 

Was gestiegen ist, sind die Krankschreibungen. Den grössten Anstieg haben dabei eindeutig die Krankschreibungen aus psychischen Gründen. Das bedeutet nach meiner These, dass es tatsächlich eine Zunahme des Außendrucks gibt. Der Kern ist da eine Persönlichkeit oder eine Person, die empfindlich ist, oder empfindsamer auf bestimmte Strukturen am Arbeitsplatz reagiert. Der Arbeitsplatz selber spielt eine entscheidende Rolle in dieser Wechselwirkung. Wie der Arbeitsplatz gestaltet ist, hängt von der Leitung ab; diese wiederum reagiert auf den Druck von Außen, also auf den sozioökonomischen Druck, auf den finanziellen Druck, auf den Druck im EBDITA – also Leistung oder Rendite zu bringen. Da unterscheiden sich natürlich Firmen und Leitungsstrukturen ziemlich, wie sie diesen Druck filtern. Oder ob sie ihn überhaupt nicht filtern, sondern einfach durchreichen.

Sie haben nun zwei Sachen angesprochen. Einerseits die Firmen und die Leitungsstrukturen, andererseits die Persönlichkeiten, die durchaus auf denselben Druck unterschiedlich reagieren. Sie haben sich ja sehr detailliert mit den Persönlichkeiten und mit bestimmten Faktoren beschäftigt, die das Auftreten des Burnouts begünstigen. Könnten Sie Ihre Erkenntnisse zu den Persönlichkeiten genauer ausführen? Wer ist betroffen und wer nicht?

Unsere Persönlichkeitsstrukturen entwickeln sich im Laufe des Lebens. In der Kindheit und Jugend wird angelegt, wie wir unser Selbstwertsystem stabilisieren, aus welchen Quellen wir dieses füllen, ob wir eine zugrunde liegende innere Stabilität haben, oder ob wir auf Zufuhr von Außen abhängig sind. Zufuhr von Außen heißt, wir können uns selbst nur akzeptieren, wenn wir Leistung bringen. Wir sind sehr empfänglich und empfindlich, wenn wir diese Rückmeldung nicht kriegen. Das heißt, wenn wir dann in einer Arbeitsumgebung tätig sind, die ein sehr negatives Arbeitsklima hat, fehlt das. Dann kommen keine positiven Rückmeldungen und dann werden solche Menschen extrem verunsichert. Sie fühlen sich dann vielleicht sogar gemobbt, obwohl womöglich nur etwas nicht da ist, aber sie eigentlich gar nicht negativ beurteilt werden. Das führt dann dazu, dass diese Menschen mit dieser bestimmten Persönlichkeitsstruktur empfänglicher sind, während andere, die robuster sind, das auch länger aushalten. Die haben also ein höheres, stabileres Selbstwertgefühl entwickelt.

Es gibt noch andere Aspekte der Persönlichkeit, die ich auch identifizieren konnte, weil ich mit meinen Patienten regelmäßig einen Persönlichkeitstest durchführe. Da gibt es z.B. eine Größenordnung, die heißt Selbstbestimmung-Autarkie und Ablehnung von Fremdbestimmung. Diese finde ich bei sehr vielen meiner Burnout Patienten wieder und wenn ich sie frage, was dahinter steckt, dann sagen sie: “Ja, ich bin eigentlich ein Mensch, der kreativ sein möchte, der Ideen hat und dem es ganz besonders wichtig ist, dass er seine Ideen auch umsetzen kann”. Wenn der nun in ein Arbeitsumfeld kommt, wo so etwas nicht erlaubt ist, wo einfach nur strikte Vorgaben sind, wo jede Kreativität eher als Kritik gesehen wird, dann stößt der immer wieder auf Grenzen und das ist frustrierend.

Es gibt noch weitere Konstellationen, z.B. Menschen mit einem hohen Harmoniebedürfnis, oder einer hohen Hilfsbereitschaft. Die sind natürlich sehr empfänglich für eine Überlastung, weil sie nicht in der Lage sind, zu delegieren und weiterzureichen, auch wenn sie sich überfordert fühlen. Sie neigen dazu, alles um sie herum harmonisch zu halten, können nicht „Nein“ sagen, selbst wenn sie das Gefühl haben überfordert zu sein. Das liegt meist daran, dass sie nicht auffallen wollen, oder keine schlechte Stimmung verbreiten möchten. Bei solchen Persönlichkeitskonstellationen kommt in einem bestimmten Arbeitsumfeld dann sehr starke Überlastung in Gange.

Ist es denn heutzutage schwieriger so ein Selbstbild oder eine solche Persönlichkeitsstruktur zu entwickeln, die mit schwierigen Arbeitsbedingungen umgehen kann, oder ist es anders herum eher so, dass die Arbeitsbelastung zugenommen hat? Woraus resultiert also die steigende Zahl an psychiatrisch erkrankten Personen, insbesondere Burnout?

Meiner persönlichen Meinung nach – das kann ich natürlich jetzt nicht mit Daten stützen – sind wir über diese ganzen Erziehungsratgeber usw. eigentlich auf dem Weg der Besserung, was die Entwicklung der Persönlichkeitsstrukturen angeht. Eltern gehen mit ihren Kindern sorgsamer um, fördern sie tendenziell eher als sie zu schlagen, wie das vielleicht früher vor Generationen noch Gang und Gebe war. Ich denke, das ist ein positiver Trend. Ich würde den Anstieg eher auf die zunehmende Arbeitsbelastung zurück führen. Und vielleicht auf eine ganz spezielle Sache: Das Internetzeitalter. Es hat vor circa 15 Jahren begonnen: Computer, Handy usw.. Und das hinterlässt natürlich seine Spuren und Anforderungen an die Menschen. Die ständige Erreichbarkeit über das Handy garantiert ständige Überwachung und Kontrollierbarkeit. Durch computerisierte Abläufe sind Teams zusammen geschmolzen worden. Aufgaben sind automatisiert worden. Das Emotionale, das miteinander Umgehen ist auf wenige Leute zusammengeschmolzen worden, die dann natürlich unter mehr Druck stehen, als wenn sich der Druck auf ein großes Team verteilt, gerade wenn einer krank wird, oder einen schlechten Tag hat.

Sie empfehlen unter anderem die kognitive Verhaltenstherapie als Abhilfe. Es basiert darauf, dass man sein Verhalten in kleinen Schritten so ändert, dass die Lebensqualität verbessert wird. Dahinter steckt die Annahme “man könne den Stress der Welt nicht verändern”, sondern nur sich selbst . Inwiefern ist dieser Stress denn tatsächlich determiniert und damit unabänderlich? Haben wir dieses Leben und dieses System nicht selber gewählt? Kann es jedem gelingen, diese kognitiven Verhaltenstherapie erfolgreich einzusetzen?

Ja, man kann sehr viel erreichen, indem z.B. Dinge anders bewertet werden. Wenn ich meinen Burnout gefährdeten Menschen sage, ihr könnt nichts dafür, das ist nicht eure Schuld, dass ihr jetzt überlastet seid, sondern es ist die wirtschaftliche Entwicklung, dann entlastet das schon einmal. Entscheidend ist hier die Ursachenzuschreibung. Die meisten Menschen nehmen alles persönlich: “Ich habe was falsch gemacht” und nicht “ich kann eigentlich nichts dafür”. Wenn man da eine etwas selbstschützendere Ursachenzuschreibung hat, dann kann man manche Belastungen sehr viel anders aushalten. Gleichzeitig kann man auch lernen, wie man die andere Waagschale, nämlich die der Erholung, stärker in den Vordergrund rückt und darauf achtet, dass einem die Erholungsqualität im Leben nicht verloren geht.

Ein anschauliches Objekt bietet dazu das Energiefassmodell. Psychische Gesundheit besteht aus den vier Bereichen Gesundheit, Arbeit & Leistung, Familie & Partnerschaft, Freunde & Freizeit. Die Energie, die wir für eine bestimmte Situation zur Verfügung haben, hängt von den Zuflüssen und Abflüssen in den einzelnen Bereichen ab.

Wenn wir alle Kräfte mobilisieren, um im Arbeitsbereich zu bestehen, schneiden wir uns automatisch von diesen anderen Quellen ab. Wir müssen das verstehen. Ich erlebe da immer einen Aha-Effekt von meinen Patienten, weil das so komplett einleuchtend ist. Die Energie, die man zur Verfügung hat, hängt davon ab, wie man in der Lage ist seine verschiedenen Facetten, die man in sich trägt, zu balancieren. Das ist so. Man kann Dinge manchmal nicht ändern, aber man kann sie vielleicht bewusster anschauen und durchs bewusste Anschauen auch Gegenmaßnahmen einleiten, die einem helfen, Dinge besser abzuwettern.
Es gibt also viele Möglichkeiten mit einer nicht veränderbaren Belastung anders umzugehen. Entweder durch die persönliche Bewertung, oder eben auch dadurch, dass man sagt: „Mein Selbstwertgefühl hängt nicht allein vom Funktionieren in einem speziellen Bereich ab”, sondern: „Andere Bereiche in meinem Leben machen auch noch Spaß und das tut mir gut”.

Warum messen Sie dem Informationszeitalter eine so entscheidende Bedeutung bei?

Wenn Sie sich das mal vorstellen: Als Sie früher einen Urlaub gemacht haben, gab es noch kein Handy. Wenn ich dagegen heute Urlaub mache, dann sehe ich in Restaurants oder sogar am Strand Leute mit ihrem Handy sitzen und 5 Leute drehen sich um, weil es derselbe Klingelton ist. Diese neuen Technologien verfolgen uns also bis in den privatesten Bereich. Und so kann uns der Beruf auch verfolgen. Also der Arbeitgeber oder der Kollege kann uns im Urlaub anrufen und uns sagen: „Also ich find‘ die Akte XY nicht, wo ist die denn?” Das war früher nicht möglich, ging einfach nicht.

Inwiefern hängt dieses Gefühl unabdingbar zu sein, das Gefühl, dass die Welt ohne einen nicht weiter läuft und sein Handy daher auch in der Freizeit ständig mit sich herum zu tragen mit Narzissmus und dem Selbstwertgefühl zusammen?

Die Frage ist: Wo liegt die Quelle meines Selbstwertgefühls? Wenn ich diese im Äußeren ansiedle – „ich werde nicht geliebt, weil ich bin, weil ich existiere oder weil ich der Sohn meiner Eltern bin, die mich einfach mögen, weil ich auf der Welt bin“ – und mir die Aufmerksamkeit meiner Eltern erkämpfen muss, indem ich Leistung zeige oder solche Sätze, wie „nicht gestraft ist schon gelobt genug” noch im Hinterkopf habe, und das ein Leben lang mit mir herum trage, dann richtet sich natürlich mein Staubsauber für mein Selbstwert auf äußere Quellen. Damit mache ich mich davon abhängig.

Vielen Dank, Herr Professor Stark.

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