Seid ihr so radikal wie die Verhältnisse?

Von Mick ey Mouse

Ausgehend von Parolen aus der Linken und Autonomen Szene stellt sich der Artikel die Frage, was der Anspruch bzw. die Forderung radikal zu sein eigentlich bedeuten kann. Dabei geht es nicht darum, eine bestimmte Aktionsform oder Gruppe zu beurteilen. Vielmehr wird ein Blick auf Klaus Theweleits Kritik des abstrakten Radikalismus geworfen, um nach Bedingungen für die Möglichkeit von Radikalität jenseits der Optionen des Reformismus und der militanten Selbstopferung zu suchen.

Von Radieschen und Schwanzvergleichen

Die linke Szene, wo immer sie genau zu finden ist, versteht sich als eine radikale. Das Radikale gilt als das Revolutionäre und damit als das Gute. Alles andere erscheint als konterrevolutionärer Reformismus. Aber was ist das eigentlich, Radikalität?

Der Begriff der Radikalität wird in der politischen Arena nicht neutral benutzt: Entweder wird er ablehnend von der Position einer vermeintlichen Mitte gebraucht1, oder er wird positiv gebraucht, um die eigene Position im Gegensatz zu einer reformistischen Position als die radikale und damit richtige zu markieren. In beiden Fällen handelt es sich um einen Begriff, der zum Zweck der Abgrenzung einer Gruppe genutzt wird. Gleichzeitig zeigt sich, dass Radikalität nicht einer Sache, einem Handeln oder einer Gruppe an sich zu kommt. Es ist eigentlich ein Verhältnisbegriff: Man ist stets radikaler als andere.

Gleichzeitig steckt hinter der Selbstbezeichnung „radikal“ mehr als nur ein strategischer Versuch, sich abzugrenzen und als radikalste Gruppe innerhalb des eigenen politischen Lagers einen Definitions- oder Führungsanspruch zu behaupten. Radikal sein zu wollen ist auch Ausdruck eines Wunsches, nämlich der des keinen Frieden mit den herrschenden Verhältnissen schließen zu wollen. Wer sich als radikal versteht, sieht Probleme und will diese von Grund auf angehen. Darauf verweist auch die Herkunft des Wortes radikal vom lateinischen radix, was soviel wie Wurzel oder Ursprung bedeutet. Radikal sein heißt also, die Scheiße in der Welt so gründlich wie möglich angehen, die Probleme an der Wurzel packen.

Wir wollen nicht nur ein Stück vom Kuchen, sondern die ganze Bäckerei

Im Fall der verschiedensten radikalen linken Strömungen werden als die wesentlichsten Probleme etwa Nationalismus, Sexismus, Rassismus oder Ausbeutung genannt. Als Ursache davon gelten dann etwa das Konstrukt des Nationalstaates, die ungleiche Verteilung von Macht, Eigentum und gesellschaftlicher Teilhabe, oder auch die kapitalistischen Produktionsverhältnisse. Eine Gesellschaftsordnung, die solche Phänomene hervorbringt und auf ihnen beruht, grundsätzlich in Frage zu stellen, anstatt nur in einzelnen Punkten dagegen zu sein, ist also eine Art von Radikalität.

Seid so radikal wie die Verhältnisse“

Damit ist aber zunächst lediglich eine theoretische Position formuliert. Die Forderung nach Radikalität, wie sie in der Parole Seid so Radikal wie die Verhältnisse2 aufscheint, zielt aber auf mehr als eine theoretische Position. Es reicht nicht, eine radikale theoretische Position einzunehmen, oder im Hinblick auf einen bestimmten Zweck radikal zu handeln – nein, der ganze Mensch soll radikal sein. Versucht man, diese Parole ernstzunehmen und daraus Handlungsmöglichkeiten zu gewinnen, stellt sich ein ganzer Haufen Fragen. Um welche Verhältnisse genau handelt es sich? Wie radikal sind diese Verhältnisse? Und was muss ich tun, um genau so radikal zu sein wie sie?

Nehmen wir an bei den Verhältnissen handelt es sich um Machtverhältnisse. Genauer um jene Machtverhältnisse, die unter den Bedingungen einer kapitalistischen Gesellschaft vorherrschend sind. Wie radikal sind diese Verhältnisse? Ihr Ursprung, ihre Wurzel haben sie im Menschen, sowohl in jedem einzelnen wie auch in ihrem kollektiven Verhalten. Die kapitalistischen Verhältnisse sind also bei aller von ihnen produzierten Unmenschlichkeit menschliche Verhältnisse.

Damit sind sie auch vom Menschen änderbar.

Are you revolutionary enough, to give up your girlfriends?3

Wenn der Kapitalismus die Totalität des menschlichen Lebens nach seiner Logik umformt, dann bedeutet die Forderung so radikal zu sein, wie die Verhältnisse selbst, die totale Mobilmachung des Individuums gegen das, was es unterdrückt: Ein 24/7-Einsatz gegen die Verhältnisse: antikapitalistisch kämpfen, antikapitalistisch ficken, antikapitalistisch einkaufen, antikapitalistisch denken, antikapitalistisch [nicht] arbeiten usw. usf.

Worauf das hinausläuft, zeigt sich im folgendem Zitat, in dem aus der RAF selbst Zweifel an der weit verbreiteten These geäußert werden, dass die RAF-Gefangenen von Stammheim in der Nacht vom 17. zum 18.10.1977 durch den deutschen Staat ermordet wurden:

Wir hatten eine bestimmte Art von Kampfmoral und haben es als emanzipatorisches Ziel gesehen, über uns selbst vollständig zu verfügen. Von Andreas Baader stammt der Satz, der zusammenfaßte, was wir gedacht haben: >Das Projektil sind wir<. Das war unsere Mentalität. Du machst dich selber zum Projektil gegen die Macht, die du zerstören willst. Im Mordgeschrei wird so getan, als hätten wir nie so gedacht.

Entscheidend ist an dieser Stelle nicht die Frage, ob die Gefangenen der RAF durch einen Mord oder einen Selbstmord zu Tode gekommen sind, sondern dass in dieser Denke sich die Unterscheidung von Mord und Selbstmord auflöst. Wenn der Tod von eigener Hand als das letzte Mittel erscheint, um in einer hoffnungslosen Situation die mit der eigenen Autonomie verbundene Radikalität zu behalten, dann wird der Selbstmord zum Mord, der staatliche Mord realisiert sich als durch die Verhältnisse notwendig gewordenen Selbstmord.

Wenn die Verhältnisse so radikal sind, dass sie mich zerstören, bedeutet so radikal wie die Verhältnisse zu sein also, dass ich ihnen in meiner Selbstzerstörung zuvorkommen sollte?

 

Abstrakter Radikalismus = Mangel an kritischer Selbstwahrnehmung

Für den Kulturtheoretiker Klaus Theweleit ist ein solcher selbstmörderischer Heroismus das Ergebnis eines „Mangels an wirklicher Abstraktionsfähigkeit (= kritischer Selbstwahrnehmung) und tatsächlicher Abgeschnittenheit von den politischen Abläufen.“ In seinem Aufsatz Bemerkungen zum RAF-Gespenst4 prägt er für ein solches Verhalten den Begriff des Abstrakten Radikalismus.

Diesen gewinnt er aus der Auseinandersetzung mit dem Kollaps der Studentenbewegung und der darauf folgenden Entstehung der RAF. Auf eine kulturrevolutionäre Sprachexplosion, dem Finden neuer Sprech-, Verhaltens- und Lebensformen, sowie dem Erobern der Straße rund um die Hochzeit von ’68 folgte der Burnout: Während sich auf der subjektiven Ebene die widersprüchlichen politischen Ansprüche5 nicht mehr alle gleichzeitig leben ließen, zeigte sich auf der gesellschaftlichen Ebene die isolierte Position der Studentenrevolte:

Der Hintergrund, sehr real: die absolute Verzweiflung aus der Erkenntnis, daß es nichts wird mit einer revolutionären Politik in Deutschland. (…) Ein Radikalismus, der einer bleiben will, kann in der Lage nicht viel anders, als immer abstrakter werden und reinen (d.h. Infantilen) Forderungscharakter kriegen.“

Innerlinke Arbeitsteilung

Es folgte laut Theweleit eine Aufspaltung in jene, die ihren politischen Anspruch „mit konkreter Politik bis zur Halskrause“6 zu retten versuchten, und jene, die auf ihrer Radikalität, in diesem Fall verstanden als revolutionärer Anspruch, beharrten. Er macht hier eine Art innerlinker Arbeitsteilung aus: Indem bestimmte Gruppen als radikale gelten und jegliche Aktionsform, die nicht ihre ist, als Reformismus abtun, übernehmen sie stellvertretend für die ganze Linke einen revolutionären Anspruch. Die anderen können durch eine abstrakte Sympathie ihr schlechtes Gewissen, nicht genug zu tun, überwinden. Sie sind „Sympathisanten, die vollkommen in ihrem >Loch< bleiben können, dem Staat Gift und Galle an den Hals wünschen, sich ihrer eigenen Untätigkeit >schämen< – und sich dabei unmerklich vom Radikalismus entfernen“.

Worin besteht aber nun die Abstraktionsleistung (bzw. Abstraktionsfehlleistung) des abstrakten Radikalismus? Sie liegt keineswegs in der Weitläufigkeit der Forderungen, auch nicht im revolutionäre Anspruch, sondern im Umgang mit der isolierten Position, der „Trennung vom >politischen Prozess<“. Das Handeln beschränkt sich „auf Gesten, auf Ansprüche, auf Forderungen“, es werden „revolutionäre Haltungen verbreitet in Sätzen, Parolen, [und] dabei Analysen kaum mehr durchgeführt“. Dies gilt für die RAF ebenso wie für ihre Sympathisanten. Beide Gruppen finden keinen angemessenen Umgang mit der gesellschaftlichen Entwicklung nach ’68 und den politischen Widersprüchen ihrer eigenen Ansprüche. Was beide Gruppen vereint, ist das abstrakte Festhalten an einen inhaltlich kaum gefüllten radikalen politischen Anspruch.

Die Abstraktionsfehlleistung dieses Radikalismus zeichnet sich durch das Fehlen zweier Wahrnehmungen aus: Die erste bezeichnet Theweleit als Wahrnehmung objektiver Geschichtsstille, die zweite als subjektives Gefühl des Nicht-Vorgesehen-Seins. Was ist damit jeweils gemeint?

Geschichtsstille

Geschichtsstille heißt zunächst einmal nichts anderes als: Geschichte steht still. Das bedeutet nicht, dass sie zu einem Ende gekommen ist. Sondern sie steht still – still aus Sicht einer emanzipatorischen Bewegung. Es bewegt sich einfach nichts mehr (zumindest nicht in die gewünschte Richtung). Als Beispiel nennt Theweleit hier die Machtergreifung der Nazis, bzw. konkreter die Zeit danach, als klar geworden ist, dass die Volksfront gescheitert, Widerstand gesellschaftlich irrelevant7 geworden ist und vor allem den eigenen Tod bewirkt. Das mag heroisch sein, mehr aber auch nicht. Auch die Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion dürften, im Bezug auf die Möglichkeit einer emanzipatorischen Revolution in Westeuropa, einem solchen Moment der Geschichtsstille entsprechen.

Nicht-Vorgesehen-sein: Das Gefühl der eigenen Ohnmacht

Das Nicht-Vorgesehen-sein beschreibt nun die subjektive Seite der Geschichtsstille. Es ist die Einsicht der emanzipatorisch-handeln-Wollenden in die Ohnmacht im Bezug auf die Möglichkeit einer breiten gesellschaftlichen Veränderung8 in ihrem Sinne. Welche gesamtgesellschaftliche Relevanz haben meine Taten? Keine. Es ist das Gefühl, dass ein geschichtlicher Handlungsspielraum nicht als vorhanden erscheint. Dabei ist die dem Gefühl der Ohnmacht entsprechende reale Wirkungslosigkeit als geschichtlich bedingte eben kein dauerhafter Zustand. Es gibt geschichtliche Phasen und Situationen, in denen sowohl das kollektive Handeln von Bevölkerungsteilen, als auch konkrete individuelle Einzelhandlungen gesellschaftlich relevant werden und es gibt solche, in denen die Eigenlogiken menschlicher Systeme sich gnadenlos durchsetzen. Zu erkennen, was von beidem der Fall ist, bedarf erstens einer konkreten historischen Analyse, sowie zweitens das Wissen um die eigene Position innerhalb der Gesellschaft (anstatt der mit aller Macht aufrechterhaltenen Wunschvorstellung außerhalb von ihr zu stehen) und die damit zusammenhängende Begrenztheit der eigenen Handlungsoptionen.

Was tun? Nicht stehen bleiben.

Was bleibt nun übrig vom Begriff der Radikalität, wenn damit mehr gemeint sein soll, als eine große Abgrenzungsbewegung? Wie ist es möglich zwischen einer Kritik der gesamten gesellschaftlichen Grundlagen und einer falsch verstandenen, in die Selbstzerstörung führenden Umsetzung dieser Kritik, zu manövrieren? Hinweise darauf bietet Theweleits Begriff des abstrakten Radikalismus. Er eignet sich als Prüfstein für eigenes und gemeinsames Handeln. Seine Rede von der Geschichtsstille und vom Nicht-Vorgesehen-sein verweist auf die historische Situation und die gesellschaftliche Position als zwei Koordinaten, innerhalb derer sich jedes sinnvolle Handeln zu verorten hat. Zudem weist seine Kritik der falschen Abstraktion darauf hin, dass Radikalität nicht Selbstzweck sein darf. Sie kann nur im Zusammentreffen der eigenen Bedürfnisse und der gesellschaftlichen Umstände konkret werden. Auf welche Art ein solches Zusammentreffen gegeben ist, lässt sich dabei kaum in einen allgemeinen Satz packen. Es ist eine Frage der Umstände. Radikal lässt sich letztlich nicht sein, radikal lässt sich nur immer wieder werden.

1[Auch wenn dies derzeit eher vermittels des Extremismus-Begriffs passiert – Anm. d. Red.]

2Zu finden als Graffiti über dem Eingang des Geisteswissenschaftlichen Gebäudes der Universität Bremen.

3Beantwortet wird diese Frage in dem großartigen Film Raspberyy Reich von Bruce LaBruce.

4In: Ghosts: drei leicht inkorrekte Vorträge. Stroemfeld, Frankfurt am Main, 1998. Alle folgenden Zitate entstammen, wenn nicht anders genannt, diesem Aufsatz.

5Theweleit nennt den „persönlichen Emanzipationsanspruch hier und die Unterwerfung unter den Gruppendruck da, heillos verkoppelt mit dem Anspruch, >revolutionäre Liebesverhältnisse< zu entwickeln: das Recht mit jeder Frau zu schlafen, das Recht mit jedem Mann zu schlafen, aber trotzdem wirkliche Personen zu meinen, Intellektuelle Selbstüberschätzung, Führungsanspruch bei großer gesellschaftlicher Isolation; wer hält das lange aus – niemand hält.“

6So etwa „bei Frauenbewegung, Ökologen und Anti-AKWlern“.

7Das meint einen Widerstand, der etwa auf einen Volksaufstand gegen die NSDAP zielte, während ein Großteil der Bevölkerung aus Fahnenschwenkern bestand.

8Damit soll keineswegs die Relevanz des eigenen Handelns für die eigene Lebensgestaltung und das eigene Umfeld in Abrede gestellt werden. Es geht vielmehr darum, die sich selbst geschaffenen Möglichkeiten realistisch in ihrer Reichweite einzuschätzen.

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