Start. Brennschluss Zeitpunkt. Zwischen den Welten. Teil II

Teil 2: Der Kurs.

Der Kurs: immer nen Zehner die Stunde.

Der Chef: vielseitiger, sympathischer Typ. Wenn es sowas gibt, dann manchmal einer von den Guten. Immer was zu erzählen. Von damals – den wilden Zeiten. Den Zeiten als Regner noch überm Cinemaxx wohnte, der Wiener Hof gerade erst besetzt und Rio fragte, ob ich heute Nacht bei ihm im Bett pennen wolle.

 

Zwischen den Welten: Krempel. Müll. Flaschen. Stühle. Tische. Bücher.

Dann professionelle Hilfe. Uns. Rümpler.

Rümpeln war geil.

 

Und vor allem gabs immer gratis: „gratis“. Gratis: „Stoff immer gratis“.

 

Einblicke. Selten: Durchblicke. Fragmente, Einrisse in Leben, die aufgehört haben. Menschen, die nicht mehr existieren. Menschen, die aufgegeben haben. Menschen, die du sonst nicht siehst; versteckt in ihrem Müll.

Die sich versoffen hatten, oder aus sonst welchen Gründen den ganzen Scheiß nicht mehr unter Kontrolle hatten. Natürlich, um keine Einwände zuzulassen, gab es auch normale Menschen. Und alles war normal. Die normale Geschichte.

 

Stoff – gratis.

 

Entweder vom Chef,

oder vom Kunden.

Abgerissene Stücke Lebensgeschichte.

Büchersammlungen, Geburts-, Heiratsurkunden, Briefe von der Ostfront an die Heimatfront – alles wird in Höchsttempo in „Beigen“ geräumt und später am Tag für schätzungsweise 6 Cent das Kilo in die Presse geschmissen.

Bücherverbrennungen sind was fürs Fernsehen der Geschichte.

Systemisches Aufräumen läuft leise ab. Und wir sind die Schergen.

 

Das mit dem Vorschlaghammer und dem Einrichtungstraum in Eiche furnier macht schon etwas Krach.

 

Doch dieser Gig war ein Umzug, keine Rümpelung.

Umzüge sind scheiße, die Dinge müssen wiederaufgebaut werden, Treppen hinunter und hinauf getragen werden. Nichts fliegt aus dem Fenster.

Nichts wird kleingehauen. Nichts darf eingesteckt werden.

Umzug, nix Rümpel. Dieser Gig bedurfte Sorgfalt.

Alles ohne Kratzer. Keine, die der Kunde sieht.

 

15 Mann am ersten Arbeitstag. Später weniger.

4 von uns, vom Sub. 6 Stammbelegschaft – zwei davon sozialversicherungspflichtig beschäftigt – und 5 vom „Sklavenhändler“ (sic!).

Zwei Chefs, einer mit rundem Gesicht und dickem Kugelbauch – am Telefon.

Der zweite, der zweite raucht Kette. Ging Rauchen nicht, dann träufelt er Tropfen zwischen Daumen und Zeigefinger und leckt es ab. Sitzt vorn im Siebenhalber.

Aufgabe für den Vormittag wird sein, den Dachboden leerzuräumen.

Den Dachboden von Huhn Pollo und Partner.

Wirtschaftsprüfung und Beratung.

Philosophie: Pressorgan. Pgg – Blickpunkt.

 

Ein geschäftsführender Gesellschafter kümmert sich als Ihr persönlicher Ansprechpartner um all Ihre Belange aus unseren drei Leistungsbereichen. Unterstützt wird er dabei von unseren kompetenten Niederlassungen und Töchtern.

 

Fortsetzung in Echtzeit bald.

 

Seite drei: Brennschluss Zeitpunkt.

 

Das Triebwerk der Rakete wird abgeschaltet, der antriebslose Flug beginnt„.

 

Tod, Alter, Suff, Armut, Zoff, Zank. Fragmente, Fetzen, Einblicke – selten Durchblicke. Einrisse in Leben von Menschen, die du sonst nicht siehst. Sich schützend – gerüstet vor der Welt – sitzen Sie in Ihrer Festung. Eingemummelt in den Müll der Welt.

Das, was SIE übrig lassen, entsorgen WIR.

Systemisches Aufräumen und wir sind die Schergen.

Entweder mit Schuttrutsche oder ohne.

 

Systemisches Aufräumen ist für einen kurzen Moment ganz schön laut. Wird ein ganzer Wohnungsinhalt vom Fenster aus auf einen Anhänger geschleudert, macht das kurz Krach. Manchmal – quietschende Geräusche – schlittert ein Leben durch die Schuttrutsche. Manchmal – lautes Gebrüll und wütendes Gefluche: „[…] die Schuttrutsche ist verstopft. Mach ma‘ nicht so viele Kleider. Die zwei Kisten noch, geh dann runter auf den Hänger und stampf‘ das Zeug kleiner„.

 

Und doch ist es professionell leise. Einige Stunden noch und alles ist abgefahren. Während dieser Stunden echauffiert sich vielleicht die Nachbarin des „schrecklichen Lärms„. Doch es bleibt leise. Niemand echauffiert sich über das professionelle Wegschaffen der Nachbarn.

Reihenfolge immer gleich: Plastik, Restmüll, Holz, Papier. Und zum Schluss: Schrott.

Der Gig endet immer mit dem Abkippen der Dinge auf der Deponie.

Übrig bleibt nur herausgesuchtes. Nützlicher Krempel.

 

Arbeit mit nützlichem Krempel. Arbeit notwendig durch Kapitulation vor einem Berg nützlichem Krempel, ein Berg aus Leben.

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