The Quantified Self

Über Smartphone-Apps, Selbstoptimierung und Überwachung

Von Lola Luftikuss

»Ich bin heute Morgen um 6 Uhr 10 aufgestanden, nachdem ich um 0 Uhr 45 zu Bett gegangen war. Ich bin in der Nacht einmal aufgewacht. Meine Herzfrequenz lag bei 61 Schlägen in der Minute. Mein Blutdruck lag bei 127 zu 74. Ich hatte gestern Null Minuten an Sport, somit ist meine maximale Herzfrequenz während des Trainings nicht errechnet worden. Ich hatte ungefähr 600 Milligramm Koffein, keinen Alkohol. Meine Wertung auf der Narzissmus-Charakter-Skala, auch NPI-16 genannt, beträgt ermutigende 0,31. «1

Der Journalist Gary Wolf gibt in seinem insgesamt 5-minütigen Vortrag einen Einblick in ein zunächst faszinierendes Hobby: Das Beobachten und Analysieren seiner Körperfunktionen, seiner emotionalen Stimmung oder der Ernährung mit Hilfe von Handy-Software und Internetprogrammen. Er ist einer der Gründer der »Quantified Self«-Bewegung, die durch die Entwicklung vernetzter ›Vitalitätssensoren‹ die persönliche Entwicklung von bspw. Managern nachvollziehbar und steuerbar machen will. Dazu zählen u.a. Waagen, Blutdruckmessgeräten, Schrittzählern und Netzwerktechnologien, wie Smartphone-Apps, zur Errechnung von Daten zu Sport und Gesundheit.

Neben der Erfassung von Daten zur Selbstbeobachtung zielen viele Produkte auf die Selbstmotivation und damit Selbstoptimierung ihrer Benutzer_innen ab. Ermöglicht werden soll die daraus resultierende Verhaltensänderung durch sogenannte »Feedbackschleifen«, welche sämtliche Handlungen durch eine Visualisierung – z. B. im Balkendiagramm – sichtbar machen. Gary Wolf bezeichnet das Erfassen von Daten über sich als Spiegel, um sich selbst zu erkennen und zu verbessern. Doch was sieht er wirklich, wenn er in sein Smartphone blickt? »Anders als man glaubt, ist der Spiegel nicht dazu da sich zu sehen, vielmehr versucht man im Spiegel zu sehen, wie man gesehen wird«2, so schreibt der Soziologe Pierre Bourdieu über den Zusammenhang von Schönheitspraxis und gesellschaftlichen Normierungszwängen.

Im Folgenden wird versucht in den Spiegel oder vielmehr in den Computer eines »Self-Trackers« wie Gary Wolf zu schauen, um damit Zusammenhänge zwischen den heutigen Selbstoptimierungs-Praktiken, den modernen Arbeitsverhältnissen und gesellschaftlichen Normanforderungen herzustellen.

Seit Beginn der bürgerlichen Gesellschaft im 19. Jahrhundert, so schreibt Otto Penz, gilt das eigene Erscheinungsbild als Ausdruck der Persönlichkeit. Schönheit wird zu einer sozial strukturierenden Macht3. Es scheint allerdings nicht der – einer durchgesetzten Norm entsprechende – ›schöne Körper‹ das für alle Menschen festgelegte Ziel zu sein. Wichtiger ist vor allem der hegemonialen Idealvorstellung mit Willen zu entsprechen – der Weg dorthin. Es ist eine ständige Arbeit am eigenen Körper, die (z. B. beim Joggen) nach außen sichtbar gemacht wird. Der Körper kann als eine Art Visitenkarte der eigenen Hingabe und Anstrengung betrachtet werden: der nach außen sichtbare Wille zur Unterwerfung unter das bürgerliche Ideal der Entsagung. Das bürgerliche Subjekt ist in der heutigen neoliberalen, kapitalistisch organisierten Welt einer ständigen Konkurrenz ausgesetzt, die sich neben der Arbeitswelt auf viele andere Bereiche des gesellschaftlichen Lebens ausweitet. Das entsprechende charakterliche Ideal, welchem sich die Menschen anzupassen haben, scheint gerade deshalb besonders funktional: Denn mit Selbstdisziplin und Willenskraft, so schallt es von überall her, stehen doch allen, alle Chancen offen.

Was hat die Entwicklung von Produkten und Programmen zur Selbstoptimierung mit der Selbstüberwachung und Unterwerfung zu tun? Welche gesellschaftlichen und sozialen Faktoren sorgen dafür, dass sich derartige Techniken durchsetzen und ›massenkompatibel‹ werden? Was bedeutet es, wenn Menschen sich freiwillig einer ständigen Selbstbeobachtung durch höchst zweifelhafte technische Geräte unterziehen, um ihre Körper zu effektivieren und sich selbst zu motivieren? Diesen und anderen Fragen soll im Folgenden nachgegangen werden.

Optimierung, Überwachung und Unterwerfung

Durch verschiedene institutionelle Praktiken, die sich auf die Kontrolle und den Vergleich der Individuen richten, werden Fähigkeiten, Gewohnheiten und Wahrnehmungsweisen der Menschen hervorgebracht. Die Disziplinierung in Institutionen wie der Schule oder dem Arbeitsplatz tragen ihren Teil zu einer Vereinheitlichung des menschlichen Körperverhaltens bei. Sie bringen beispielsweise durch räumliche Anordnungen und Strukturen ein bestimmtes, an Normen orientiertes Verhalten hervor. So haben die Menschen das Machtverhältnis, dem sie sich unterwerfen müssen, bereits körperlich verinnerlicht.

»Derjenige, welcher der Sichtbarkeit unterworfen ist und dies weiß, übernimmt die Zwangsmittel der Macht und spielt sie gegen sich selber aus; er internalisiert das Machtverhältnis, in welchem er gleichzeitig beide Rollen spielt; er wird zum Prinzip seiner eigenen Unterwerfung.«4

Das Panopticon5 ist für Foucault Sinnbild des modernen Regierungssystem, das auf das Einverständnis der ihm Unterworfenen setzt und daher oftmals ohne weitreichende sanktionierende Maßnahmen zur Bestrafung auskommt. Die panoptischen Strukturen der Kontrollmechanismen sorgen dafür, dass die Individuen nicht mehr repressiv von außen geführt werden müssen, z. B. durch staatliche Zwangsmaßnahmen zur Durchsetzung eines bestimmten Lebensstils. Vielmehr führen sie sich selbst und unterziehen ihre Körper einer Selbstbeobachtung. Diese Selbst-Überwachungs-Praxis findet in den Smartphone-Apps ihre materielle Entsprechung des 21. Jahrhunderts.

Wenn ich in den Spiegel schaue, oder auf die Waage trete, dann kann ich mich mit einem gesellschaftlichen Ideal vergleichen und (wahrscheinlich) feststellen, dass ich davon abweiche. Vermutlich verfüge ich auch über ein hegemoniales vermitteltes Wissen über meinen Körper und bin mir deshalb darüber bewusst, dass ich in Zukunft lieber keine Zigarette rauche, keine Schokolade essen und anstelle des Autos das Fahrrad benutzen sollte. Wenn ich allerdings eine App zum Gesundheitsmanagement auf meinem Smartphone mit mir herum trage, verfüge ich jederzeit und überall über alle meine möglichen, scheinbar ›gesundheitsrelevanten‹ Daten. Vor allem aber weiß ich, wie ich mit all diesen Daten mein Verhalten zu 100% optimieren kann.

Und noch ein weiterer Aspekt ist sehr wichtig: Sobald ich meine Daten über ein Computerprogramm online stelle, werden diese Informationen nicht nur für mich ausgewertet, sondern auch mit anderen Menschen geteilt und verglichen. Das heißt, dass ich unter einer mehrfachen Aufsicht stehe: Erstens kontrolliere ich mich selbst, zweitens kann ich andere Menschen kontrollieren und drittens lebe ich mit der Gewissheit, dass auch alle anderen Netzwerk-Benutzer_innen mich kontrollieren können. Es handelt sich hierbei zwar nicht zwangsläufig um ein hierarchisches Überwachungssystem, sondern eher um eine gegenseitige demokratische Überwachungsform; trotzdem ist es ein panoptisches Prinzip: So dürfte schon das Wissen darüber, dass meine Freunde oder vielleicht Arbeitskollegen sehen können, dass ich heute nicht Joggen war, konditionierend wirken. Außerdem werden die Daten – technisch gesehen – höchstwahrscheinlich an einen Server des App-Anbieters geschickt und dort gespeichert. Insofern könnte der Server auch als heutige Entsprechung des nicht einsichtigen Turms bezeichnet werden. In dessen Datenbank muss zwar niemand schauen, trotzdem wird die Möglichkeit dazu geschaffen. Taucht am Ende eines Tages meine digitale Belohnung auf dem Bildschirm auf, habe ich alles richtig gemacht. Vor allem aber habe ich alles getan, um meinen Körper und mein Verhalten zu perfektionieren und ich habe es anderen mitgeteilt.

Der disziplinierende Zugriff auf den Körper der Menschen findet in der Anwendung von Apps auf verschiedenen Ebenen statt: Es ist ein Zugriff auf die Psyche und das Verhalten, woraus dann eine Effektivierung des Körpers erfolgen soll. Außerdem wird ein hegemoniales Körper-Wissen angewendet und verbreitet, welches ebenfalls machtvoll ist und eine Verhaltensänderung hervorrufen soll. Gleichzeitig sorgen die Anwendung der Apps und die Verbreitung der Daten im Internet für eine Erfassung und Klassifizierung des Verhaltens der Menschen, ihrer Leistungen und Fähigkeiten. Somit erzeugen auch die Anwender_innen selbst ein Wissen über ihre Körper, aus welchem wiederum Normen abgeleitet werden können; Normen, die es erlauben z.B. Durchschnittswerte, Mindestanforderungen und ideale Leistungen festzulegen. An diesen können dann wiederum die Leistungen und Fähigkeiten der Einzelnen bewertet und effektiviert werden. Die Smartphone-Apps werden von den meisten Benutzer_innen freiwillig angewendet, sie unterziehen sich selbstständig einer lückenlosen Überwachung ihres Körpers und ihres Verhaltens, wobei damit gemeint sein soll, dass sie nicht von einer repressiven Herrschaftsform dazu gezwungen werden. Wenn ein Manager sich eine Fitness-App zulegt, tut er dies vielleicht, um seine Attraktivität zu steigern oder gesund zu leben, und passt sich damit an die gesellschaftlichen Normvorstellungen an. Gleichzeitig muss er seinen Körper optimieren, um sich der gesellschaftlichen Konkurrenz stellen zu können. Und da das gesamte gesellschaftliche Zusammenleben stark durch diese Konkurrenz geprägt ist, finden sich für dieses Phänomen auch in anderen Klassen oder Milieus ausreichend Beispiele.

Das »unternehmerische Selbst« und die Vermessung des Ichs

Für den Soziologen Ulrich Bröckling stellt der Appell, Unternehmer_in des eigenen Lebens zu werden, ein maßgebliches Gebot dar, an dem alle Menschen ihr Leben zu messen haben. Dieses wird nicht im Rahmen einer zentralen Autorität durchgesetzt, sondern ist eingelassen in vielfältige Programme des Regierens und Sich-Selbst-Regierens. Die Anforderung lautet: Ein unternehmerisches Selbst ist man nicht, man soll es werden6.

Dieses Motiv bündelt allerdings nicht nur die Handlungsmaximen, nach denen jede_r ihr_sein Leben ausrichten soll, sondern bestimmt auch das Wissen und damit eine hegemonial durchgesetzte und anerkannte ›Wahrheit‹, über die die Menschen sich selbst und ihre Körper erkennen können. »Du sollst dein Leben ändern, dich und deinen Körper managen und effektivieren!« fordern tausende Coaches, Ratgeber und Optimierungsprogramme und erzeugen zugleich ein ganz bestimmtes Körper-Wissen, das eben den perfekten Körper auch erst herstellt oder vielmehr immer wieder neu herstellt. Diese Wissensformen beeinflussen die Kontroll- und Regulationsmechanismen, denen die Menschen ausgesetzt sind und die Praktiken, mit denen sie auf sich selbst einwirken – also zum Beispiel die Fitness-Apps. Es ist nicht zu übersehen, dass Menschen einen anderen Zugang zu ihrem Körper bekommen, wenn sie mit dem ständigen Wissen um seine Perfektionierung leben. Der folgende Auszug eines Artikels von Eva Illouze aus der »le monde diplomatique« beschreibt dieses Phänomen sehr anschaulich:

»Wie ist es nun hiermit? Michael Galpert dreht sich in seinem New Yorker Apartment im Bett herum, der Wecker klingelt. Der 28-jährige Internetunternehmer zieht das Stirnband ab, das seine Gehirnströme über Nacht aufgezeichnet hat, und studiert das Balkendiagramm seiner Tiefschlaf-, Leichtschlaf- und REM-Phasen. Er marschiert ins Bad und stellt sich auf seine Waage, die Gewicht und Körpermasse an eine Onlinedatei sendet.[…] Später breitet jemand aus Großbritannien ein über dreieinhalb Meter großes Liniendiagramm aus, das seine Stimmungsschwankungen im Lauf des letzten Jahres verzeichnet. […] Schritte, Schweiß, Koffein, Erinnerungen, Stress, sogar Sex und Partnersuche – all dies lässt sich berechnen und bewerten wie die Durchschnittsleistung eines Baseballspielers. Und wenn es nicht schon eine App oder dergleichen gibt, die die entsprechenden Werte verfolgt, dürfte sich das binnen weniger Jahre ändern.Moderne Menschen wie Michael Galpert verhalten sich zu ihrem eigenen Selbst wie zu etwas Kenntlichem, Endlichem, einem Ensemble materieller, chemischer Kräfte, das sich an einem durchschnittlichen und abstrakten Standard von ›Normalität‹ messen und kontrollieren lässt.«7

Das »unternehmerische Selbst« bezeichnet ein höchst wirkmächtiges Ideal, das die Menschen in einem kontinuierlichen Prozess der Selbst-Modifikation gefangen hält. Durch die vielen, zum Teil auch widersprüchlichen Anforderungen, mit denen der_die Einzelne konfrontiert ist, wird es in Gang gehalten. Ein typischer Auszug eines Katalogs für ›Schlüsselqualifikationen‹, wie er häufig in Stellenanzeigen gefordert wird oder in Erfolgsratgebern zu finden ist, macht die Widersprüchlichkeit der Erwartungen deutlich: »Eigenständig, selbstsicher, motiviert, wandlungsfähig/flexibel, kreativ, spontan, kommunikativ, ehrlich.« Die strukturelle Überforderung bewirkt eine dauerhafte Anspannung, sich ständig zu verbessern, den Anforderungen gerecht zu werden und sich flexibel anzupassen. Da die wenigsten Menschen die geforderten Ansprüche vollständig erfüllen können, hängen sie zwischen Ideal und Wirklichkeit fest, so dass sie ununterbrochen an der eigenen Person, am Körper und ihrer Einstellung arbeiten müssen.

Um den Ansprüchen gerecht zu werden, bieten Management-Ratgeber und Smartphone-Programme die ideale Unterstützung. Sie dienen als Gebrauchsanweisung zur besseren Vermarktung der eigenen Person. Es ist das Anliegen der Hersteller_innen, aber auch der »Quantified-Self«-Mitglieder, ihren Kunden genau eine solche Form der Gebrauchsanweisung zur optimierten Gestaltung ihres Lebens anzubieten.

Wer sich selbst als eine Firma begreift, deren Ziel es ist, eine Geschäftsidee zur eigenen Vermarktung zu entwickeln, hat schließlich gute Chancen sich der Konkurrenz stellen zu können.

»Wenn sie Spitzenleistungen erbringen wollen, können sie dies sofort schaffen. Hören sie einfach noch heute damit auf, weniger als exzellente Leistungen abzuliefern. (…) Ob man den Sprung von hier nach da schafft, hängt zu 99,9 % von der Entschlossenheit ab ihn zu wagen und ohne Kompromisse an dem eigenen Vorhaben festzuhalten, auch wenn einem von seiner Umwelt (einschließlich der lieben Kollegen) noch so viele Hindernisse in den Weg gelegt werden.«8

Immer wieder wird das Prinzip Chancengleichheit und das daran gekoppelte ideologische Gerüst betont und in allen möglichen gesellschaftlichen Bereichen zitiert. Dabei wird folgende Logik vermittelt: Jede_r trägt ihr_sein Schicksal selbst in den Händen und ist damit verantwortlich für den Verlauf ihres_seines Lebens. Der fatale Umkehrschluss dieser Ideologie bedeutet aber: Wenn der Erfolg allein von der eigenen Motivation abhängt, dann ist jeder Misserfolg gleichzusetzen mit mangelnder Anstrengung.Und es beinhaltet zugleich eine völlige Abstraktion von den ungleichen sozialen und ökonomischen Bedingungen der Einzelnen.

Diese scheinbare allgemeine Möglichkeit des sozialen Aufstiegs passt jedoch nicht zur Tatsache, dass sie immer nur selektiv realisiert werden kann. So wird die ökonomische Bestimmung des unternehmerischen Handelns zum individuellen Handlungsprinzip und führt zu verschiedensten Ausformungen der Optimierungsanstrengungen. Gerade weil eine Konkurrenzsituation immer Verlierer_innen produziert und die Aufstiegschancen extrem ungleich verteilt sind, muss doch jede_r in der Lage sein, ihre_seine eigene Situation zu verbessern, solange sie_er gewitzter, motivierter und innovativer handelt als die anderen.

Zwischen dir und deinem Ziel steht nur eine Person: Du.*

Bisher wurde bei der Selbstoptimierung von einer körperlichen Veränderung ausgegangen, also von Fitness- oder Diät-Apps, die eine direkte Einflussnahme auf den Körper bewirken. Allerdings geht es bei der Körperarbeit nicht nur um die äußerlichen Effekte, sondern auch um die Aneignung von inneren Werten. Bei dieser gewissermaßen psychischen Veränderung scheint es wichtig, die bereits genannte Aufstiegsideologie nicht aus den Augen zu verlieren. Die oben zitierte McFit-Werbung* stellt die Aneignung eines gewissermaßen geistigen Ideals des bürgerlichen Subjekts in den Mittelpunkt. Wer etwas im Leben erreichen will (wie auch immer dieses Ziel aussehen mag), braucht tatsächlich nur den eigenen Willen dazu, so die dort vermittelte Ideologie.

Einerseits gibt es Menschen, die diese Aufstiegsideologie bereits verinnerlicht haben und sie auch durch Fitnesstraining nach außen sichtbar machen und verkörpern. Was ist aber mit denen, die unwillig sind, sich den gesellschaftlichen Anforderungen an sich und den eigenen Körper anzupassen? Und was passiert mit jenen, die nicht an die Erfolgs- und Aufstiegschancen glauben, weil ihnen ihre gesellschaftliche Unbrauchbarkeit stetig vor Augen geführt wird?

Es scheint als gäbe es zwischen den Motivationskursen für Manager und den Maßnahmen für Langzeitarbeitslose nur einen entscheidenden Unterschied: Nämlich den, dass die einen tatsächlich strukturell dazu gezwungen werden an ihnen teilzunehmen, da ihnen ansonsten z. B. mit Kürzungen der Sozialleistungen gedroht wird und die anderen zumindest überwiegend freiwillig daran teilnehmen und sogar dafür bezahlen. Das dort präsentierte Ensemble von Werten und Handlungsvorgaben unterscheidet sich jedoch kaum: Die Beschwörung der Selbstverantwortlichkeit und Eigeninitiative, sowie das Gebot der kontinuierlichen Verbesserung und der uneingeschränkte Glaube an den Einfluss des eigenen Willens.

Schönheitspraktiken wie Diäten oder Joggen können als eine klassen- und geschlechtsspezifische Körperpraxis verstanden werden, bei der immer auch die symbolischen Auseinandersetzungen zwischen den Klassen und Geschlechtern eine wichtige Rolle spielen. Zwar sind Fitness-Apps eine Form der Selbstoptimierung, die nur von einer gesellschaftlichen Minderheit exzessiv betrieben wird, jedoch kann mit verschiedenen Beispielen gezeigt werden, dass der Aufruf zur Selbstoptimierung immer wieder in Form einer symbolischen Machtausübung von den Herrschenden auf die unteren Klassen und auf die ›Unwilligen‹ übertragen wird. Ein besonders bezeichnendes Beispiel hierfür war eine Aktion des Jobcenters Brandenburg/Havel: Dort wurden 18, über fünfzig Jahre alte Erwerbslose mit Schrittzählern ausgestattet und einen Monat alle Bewegungsdaten erfasst. Nach 40 Tagen sollten die Ergebnisse der in zwei konkurrierenden Teams eingeteilten Personen ausgewertet werden. Wer am meisten läuft und es womöglich schafft, den imaginären Mount Everest zu erklimmen, sollte einen Preis bekommen. Für die Aktion wurde ein Softwareprogramm verwendet, das eigentlich für das »betriebliche Gesundheitsmanagement« genutzt wird. Da die Aktion offenbar auf öffentliche Kritik stieß, äußerte sich Heinrich Alt, Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit, zu der Aktion wie folgt: »Wenn in Managerkursen Schrittzähler getragen werden, ist das eine tolle Idee, wenn es Arbeitslose tun sollen, ist es automatisch Blödsinn.«9 Der herrschenden Klasse dient ein untrainierter oder schlecht ernährter Körper als Negativfolie des ›guten‹ Geschmacks. Indem sie dem kulturellen Feld der Schönheit und des Sportes ihren Stempel aufdrückt, gibt sie vor, was der ›gute‹ Geschmack ist, wie ein schöner Körper auszusehen hat und wie die Menschen dieses Ideal erreichen. Nämlich durch das bürgerliche Ideal der Vervollkommnung durch Askese, durch eine tugendhafte Disziplin und durch die Arbeit am eigenen Selbst. Bereits in den 1930er Jahren wurde mit der Marienthal-Studie versucht herauszufinden, welche Folgen die Langzeitarbeitslosigkeit auf Menschen hat. Heute scheint es über die Folgen, vor allem aber über die Gründe für Arbeitslosigkeit, wohl einen weit ausgedehnten Konsens zu geben. Wer arbeitslos ist, hat sich einfach nicht genug bemüht, ist faul und undiszipliniert, was sich auch im Körper und dem Umgang damit niederschlägt. Wo ein schlanker fitter Körper mit Selbstdisziplin und Leistungsbereitschaft assoziiert wird, wird ein dicker Körper eben mit Disziplinlosigkeit und schwachem Willen verbunden.

Auch Krankenkassen experimentieren mittlerweile zunächst auf freiwilliger Basis mit Gesundheits-Apps und fangen damit an diese kostenlos anzubieten. Die AOK wirbt beispielsweise wie folgt:

»Der AOK PLUS Fitnessmanager begleitet Sie bei allen sportlichen Aktivitäten. Er zeichnet für Sie Ihre Trainingszeiten, Geschwindigkeit und zurückgelegte Strecke auf, während Sie sich voll auf Ihren Sport – egal ob Skaten, Joggen, Rad- oder Skifahren – konzentrieren können. Die gespeicherten sportlichen Aktivitäten helfen Ihnen, Ihren Trainingserfolg zu überwachen und bieten Ihnen die Möglichkeit, Ihre Fortschritte blitzschnell in einer Grafik zu überblicken. Außerdem können Sie in einem Gewichtstagebuch alle wichtigen Werte Ihres Körpers wie BMI, Muskel- und Fettanteil, Gewicht, Hüft- und Taillenumfang notieren und so Ihr Ziel – egal ob Muskelaufbau oder Gewichtsreduktion – permanent im Auge behalten.«10

Innerhalb einer Gesellschaft, in der sich das Leitbild des »unternehmerischen Selbst« etabliert hat, wird Krankheit als Mangel an Leistungsfähigkeit verstanden. Die Umkehrung der Leistungs- und Aufstiegsideologie bedeutet jedoch immer zugleich, dass jedes Versagen, also auch eine Krankheit, eben eine Folge von Willensschwäche und damit ein individuelles Problem darstellt.

Zwar werden Gesundheits-Apps bisher nur von einem relativ kleinen Teil der Gesellschaft intensiv angewendet. Allerdings zeigt sich an dem Phänomen, wie die heutigen Arbeitsverhältnisse die Anforderungen an die Subjekte formen bzw. wie beide miteinander verschränkt sind. Dass Arbeit und Freizeit zwei schwer voneinander zu trennende Sphären darstellen, wird anhand der Smartphone-Apps und Selbstoptimierungsprogramme nur allzu deutlich. Und wenn der eigene Wille zur Optimierung nicht da ist, können die benannten Techniken ebenfalls zu einer Überwachung der „Unwilligen“ benutzt werden.

2Bourdieu (1997): Eine sanfte Gewalt. Pierre Bourdieu im Gespräch mit Irene Dölling und Margareta Steinrücke. In: Dölling, Irene / Krais, Beate (Hg.): Ein alltägliches Spiel. Geschlechterkonstruktionen in der sozialen Praxis. Frankfurt a. M. 1997. S. 218-230, Seite 229.

3Nachgelesen werden kann dies in Penz (2010): „Schönheit als Praxis. Über klassen- und geschlechtsspezifische Körperlichkeit“. Campus Verlag.

 

4Foucault (1976): Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. Seite 260

5Das Panopticon bezeichnet ein von Jeremy Bentham stammendes Konzept zum Bau von Gefängnissen (aber auch von Fabriken), das die gleichzeitige Überwachung aller inhaftierten Menschen durch einen einzelnen Überwacher ermöglichen soll. Dieser kann von einem zentralen Turm jederzeit in alle kreisförmig darum liegenden Zellen blicken. Die Inhaftierten können sich dagegen weder untereinander sehen noch können sie erkennen, ob sie selbst beobachtet werden.

6Bröckling (2007): Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierungsform. Suhrkamp

8Auszug aus dem Ratgeber: »Der WOW!Effekt. 200 Ideen für herausragende Erfolge« von Tom Peters. Zitiert nach Bröckling 2002: 19. 

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