Torfabrik – Ein Nachruf von Josef Shai Benayun

2009 nahm sich Robert Enke nach jahrelanger Depression das Leben. Sein Umfeld, der Profifussball, erlebte einen Aufschrei über Menschlichkeit im Leistungssport; geändert hat sich nichts. Warum der Fussball so ist, wie er ist, soll in diesem Text kurz umrissen werden.

Zweifel am Fussball

Die Fussballwelt war erschüttert, als der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft Robert Enke 2009 Bahnsuizid beging. Sein Amt geht einher mit bundesweiter Bekanntheit, 40.000 Menschen versammelten sich zu seinen letzten Ehren in Hannovers Stadion, dem ansonsten langweiligsten Ort der Welt. Der deutsche Fussballbundespräsident erklärte: „Denkt nicht nur an den Schein. Denkt an das, was in den Menschen ist, an Zweifel und Schwäche.“ Suizide und Depressionen haben das Bild des verwöhnten Fussballmillionärs und der vorbildlichen Volkshelden getrübt. Seit Enkes Suizid wurden mehrere Fussballspieler und Trainer auf ihren Wunsch hin aus ihren Verträgen entlassen, weil sie ihre Seelenzustände veröffentlichten.
Was ist das für ein Sport, in dem Vereine sich als mitfühlende Institutionen präsentieren können, indem sie Arbeitsverträge von depressiven Angestellten auflösen? Da sie nicht nur Fussball spielen, sondern in Arbeitsverträgen geregelte Leistungen erbringen, muss es sich um mehr handeln, als einfach nur um Sport: Fussball ist ein Geschäft, Fussballer sind Lohnarbeiter. Deshalb versuche ich im Folgenden die Gestaltung des Fussballs durch die Verbände zu beschreiben, sowie seine Bedingungen und Zwecke zu kritisieren.

Volkssport Fussball

Heute ist Fussball der Weltsport Nr. 1, Führender in der Konkurrenz aus Handball, Rugby oder “US-Sportarten“. Überall auf der Welt gibt es staatlich unterstützte Wettbewerbe. Alleine im deutschen Fussballbund sind 7 Millionen Menschen organisiert und ein gigantischer Rattenschwanz aus Bekleidungsindustrie, Sicherheits- und anderen Dienstleistungen, Hoch- und Tiefbau, Experten und Bürokraten lebt von der Begeisterung für ein rundes, mit Luft gefülltes Leder.
Den meisten Balljungen und Experten auf dem Fussballfeld ist es scheissegal, woher das Geld kommt, das sie bekommen. Viele wollen nicht mal Geld haben, ihnen reicht es dabei sein zu dürfen. Vom Stadiongärtner, über die Spieler und Manager bis zu den Werbefutzis und Sozialpädagogen wird das Fussballfeld über den grünen Klee gelobt. „Eine Ehre“, „großen Respekt“, „Dankbarkeit“, „Demut“ empfinden die meisten Angestellten von Fussballclubs.  Keiner von ihnen kommt auf die Idee, die Konkurrenz zu hinterfragen, der sie sich nicht nur dann aussetzen, wenn sie einen Job suchen. Fussball wird als unabhängige Sphäre angesehen, eine Sphäre, in der es um Spiel und Spass gehe, und nicht ums Geldverdienen. Die meisten Linken hingegen wollen nichts vom Fußball wissen: da läuft kein Verein freier Menschen einem Ball hinterher, und im Kapitalismus ist eh‘ alles scheisse.

Profifussballer

Wie verhält es sich mit dem Fußball und dem Geld? Robert Enke musste Geld verdienen. Für seinen Lohn musste er sportliche Leistungen erbringen und zwar täglich mit etwa drei Wochen Urlaub pro Jahr. Als Topspieler wurde seine Person zum Aushängeschild Hannovers und des deutschen Fussballs, sein Privatleben öffentlich und Teil der erwarteten Leistung: Bier und Kippe? Skandal. Als Star verdiente er vermutlich Millionen € jährlich brutto: so viel, dass sein Arbeitgeber mit ihm noch Profite machte, aber augenscheinlich nicht genug für ein glückliches Leben.
In den „Fussballnationen“ verdienen einige Fussballer so viel, dass sie andere Leute für sich arbeiten lassen können, als Manager, Image-, Presse- oder Anlageberater. Manche Fußballprofis, denen für ihre sportlichen Leistungen viel Geld gegeben wird, erfüllen den Traum vom Wasserträger zum Millionär und werden damit zum Volkshelden. Dieser Traum verwirklicht sich jedes Jahr weltweit für etliche Jungen, die der nationalen Öffentlichkeit bekannt gemacht werden und den Massen zeigen sollen: „Seht her, wenn ihr euch nur richtig anstrengt, dann könnt ihr es auch schaffen…“

Man weiß, wie viel Geld sie verdienen und sie verdienen so viel Geld, solange Leute bereit sind, ihnen soviel Geld zu geben. Als Verkörperung eines Traums werden sie belohnt, aber wenn sie ihre Leistung nicht mehr zeigen, werden sie auch dementsprechend verteufelt. Neben den depressiven Stars gibt es aber auch Leute, die sich als gut entlohnte Volkshelden ganz wohl fühlen. Dass diese zumeist dumm sind, scheint offensichtlich, doch kluge Aussagen werden weder erwartet noch honoriert. Trotz Heldenstatus wird von ihnen weiter Dankbarkeit gefordert, nicht arrogant zu sein und weiter Leistung zu bringen. Denn ein gut dotierter Vertrag ändert nichts an ihrer Stellung als Vertragsspieler. Es geht eben nicht um einen versöhnlichen sportlichen Wettbewerb, sondern darum, einen Vertrag zu bekommen. Dafür muss ein Spieler besser sein als die Konkurrenz auf dem Fussballfeld und mögliche Geldgeber davon überzeugen.

Die Leistung Fussball

Weltweit gibt es viele hunderttausend Fussballspieler, die für ihren Sport bezahlt werden. Die meisten müssen nebenbei oder hinterher andere Jobs annehmen, um genug Kohle zum Überleben zu haben. Die Konkurrenz um Verträge bei Fussballclubs ist enorm: Millionen Menschen auf der Welt spielen Fussball und träumen davon, dadurch Geld zu verdienen.
Ein Fussball und der Traum vom Geld reichen aber nicht aus. Es kommt auf bestimmte Leistungen an: die technischen, taktischen Fertigkeiten auf dem Fussballfeld und private Leistungen als Vorbild und /oder Werbefläche. Sie werden von Sportmedien und Spielerscouting ausführlich diskutiert, die zukünftig zu erwartende Leistung abgeschätzt und von den Funktionären in Vertragsform gegossen.
Dabei sind zwei Eigenschaften immer mitgedacht und nie ausgesprochen: erstens wird ausschließlich Männern Leistungsfähigkeit im Profifussball überhaupt zugetraut. Andere Geschlechter werden von Geburt an gleich ganz ignoriert. Nicht weil sie schlechter spielen, was im Einzelfall zu prüfen wäre, sondern weil sie bereits rechtlich ausgeschlossen sind. Im sogenannten Frauenfussball gibt es keine Jobs, die zum Überleben reichen.
Zweitens gilt, dass jemand weniger Talent/Potenzial hat, je älter er ist. Um den hohen Ansprüchen zu genügen, sollen Kinder schon gegen Bälle treten, wenn sie aufrecht laufen lernen. Teenager-Jungs werden als zu alt für die Karriere im Fussball aussortiert. Als Profis müssen sie sich solange auf Technik, Kondition und Taktiken konzentrieren, wie sie körperlich und geistig dazu in der Lage sind.

Die Lizenz zum Ballspiel.

Die Spieler bekommen ihr Geld aber nicht nur für das Spielen, sondern vor allem für die Lizenztitel. Sie erlauben es, öffentlich aus- und im Wettbewerb aufgestellt zu werden. Diese Spielerlizenzen werden auf dem sogenannten Transfermarkt gehandelt. Der Marktwert von Spielerlizenzen wird durch ihr Potenzial als Werbefläche errechnet. Jeder noch so langweilige Milchbubi kann Werbeikone werden. Einen Vertrag bekommt er aber nur bei entsprechendem Knechtsbewusstsein, das heißt, dass er seinen Arbeitgebern glaubhaft macht, über die volle Vertragslänge entsprechende Leistungen zu bringen. Der Wert einer Spielerlizenz ergibt sich aus drei Faktoren: der Vertragslänge, der Herkunft und dem variablen Faktor der persönlichen sportlichen Leistungsfähigkeit. Im Alter von 27 Jahren wurde Robert Enke 2004 von Hannover 96 unter Vertrag genommen: seine Karriere stand kurz vor dem Ende, er spielte im Ausland unregelmäßig in tieferen Ligen.
Er war dankbar über den Vertrag, obwohl er weniger verdiente als die meisten anderen Spieler. Als er jahrelang Topleistungen erbrachte, wurde er Mannschaftskapitän, bekam bessere Verträge, und wurde in die Nationalmannschaft berufen. Der Marktwert seiner Lizenz stieg auf mehrere Millionen Euro, dementsprechend stieg seine Entlohnung, er bekam Werbeverträge von Unternehmen und stellte seine Prominenz in den Werbedienst der Tierrechtsorganisation PETA.
Dieser Status brachte neuen Druck mit sich. Wegen seines fortgeschrittenen Alters bekam er schlechtere Vertragsangebote, er wurde mit Deutschlands besten Torhütern verglichen und musste Woche für Woche fehlerfrei sein Tor hüten, um seinen Lizenzwert zu erhalten.

Roberts Herkunft

Die deutsche Herkunft steigerte immerhin seinen Lizenzwert, ohne dass er dafür etwas tun musste. Nationalität spielt eine gewichtige Rolle, sie bestimmt u.a. in welcher Nationalmannschaft jemand spielen darf. Wer für eine große Nation spielt, ist als Werbefläche mehr wert, als jemand, der für ein armes Land spielt. In Deutschland werden Produkte wie Nutella von der Nationalmannschaft beworben und deshalb überdurchschnittlich gut vermarktet, in ärmeren Ländern geht das nicht.
Arme Kinder haben regelmäßig Probleme, die sie vom Fussballspielen ablenken könnten. Ein Vertrag mit ihnen einzugehen, ist mit dem Risiko behaftet, dass sie ihr Geld wahrscheinlich erst einmal ausgeben, um die familiäre Misere zu lindern, und das ist zumeist eine sehr kost- und zeitspielige Aufgabe. Ein bürgerliches Kind ohne finanzielle Nöte kann sich besser auf seine Aufgabe – den Sport – konzentrieren. Ausbildungsmaßnahmen schließlich, wie Fussballtrainingslager, betreffen ausschließlich die regionale Jugend und finden vor allem in Europa statt. Deshalb wird im Fussball ganz unverblümt und faktenbasiert festgestellt, dass afrikanische Spielerlizenzen weniger Wert sind.

Fussballindustrie

Niemand gibt anderen Leuten einfach so Geld fürs Fussballspielen, oder baut ein Fussballstadion, weil Ballspiel Spaß macht oder hübsch anzuschauen ist. Vielmehr verlangen Fussballvereine Mitgliedsbeiträge und Eintrittspreise und bestimmen, wer mitspielen darf.
Die sportlichen Ergebnisse sind eine Folge von wirtschaftlichem Erfolg aus zwei Gründen. Zum einen dürfen nur Vereine mitspielen, die von den Verbänden lizensiert werden. Für die Stadionnutzung bis zur Lizenz für europäische Wettbewerbe brauchen sie Geld. Zum anderen brauchen Vereine  leistungsstarke Spieler, um in der sportlichen Konkurrenz zu bestehen.
Erfolg kann durch geschickte Bestechung gekauft werden, doch die Konkurrenz nach den idealen Regeln des Wettbewerbs Freier und Gleicher wird von Staaten und Fussballverbänden gefördert und gefordert. Deshalb können Spieler auch keine sportlichen Erfolge garantieren, das heißt, Geld und Namen schießt keine Tore. Im sportlichen Wettbewerb gewinnt nicht notwendigerweise das Team mit den teuersten Spielerlizenzen.
Gute Spieler wechseln aber fast immer in die Industrieländer, weil sich dort viel Geld verdienen lässt. Darum sind Vereine in Deutschland oder England sportlich erfolgreicher, und die Spielerlizenzen dort teurer: sieben Tage die Woche werden irgendwelche europäischen Wettbewerbe aus- und im TV übertragen.

Nachdenken verboten!

Robert Enke war am oberen Ende des möglichen Erfolgs im Fussball angekommen, das bedeutet neben Gehaltserhöhungen eben auch vermehrten Druck und öffentliche Beachtung.
Die Topclubs treten gleich mehrmals in der Woche in nationalen und internationalen Wettbewerben an, um sich als Werbeträger zu verwerten. Wer mit Prämien als Einnahmequelle kalkuliert, bekommt bei Misserfolg kalte Füße und entlässt Angestellte, die als dafür verantwortlich angesehen werden. Wer wirtschaftlich nicht in der Königsklasse mithalten kann, will auch nicht in die Champions League , sondern die eigene Infrastruktur verbessern.
Darin besteht das tägliche Geschäft der Clubs und das ist in der Öffentlichkeit kaum zu übersehen. Ein paar Beispiele: in Süddeutschland ist die Welt nur in Ordnung, wenn die Volksgemeinschaft Bayern („Mia san Mia“) Siege feiern darf. Als die Konzernbilanzen „auf Schalke“ denen der großdeutschen Kohleindustrie Gelsenkirchens glichen, wurde ein russischer Gazliferant gefunden, der die Lizenzen bezahlt. Die Stadt Madrid baute einen ganzen Vereinsstadteil und übernahm die Schulden der „Königlichen“.
Spieler wie Enke mit dem Image eines leisen und nachdenklichen Stars, die den Leistungsdruck nicht dankbar annehmen, haben eigentlich keinen Platz in der Konkurrenz. Topclubs machen einen großen Bogen um sie.

Bakterielle Infektion

Robert Enke war dort, wo Millionen von Jugendliche hinwollen: Bundesliga, Nationalmannschaft, Kapitän, Familie, Bauernhof, politisches Engagement. Dieser Status wird von Fans gefeiert und verdammt, je nach dem erbrachten Erfolg. Zufrieden war Enke damit nicht, und das Clichee vom traumhaften Leben erfüllte er ebenso wenig. Vielmehr ließ er sich 2009 krankschreiben wegen einer „allgemeinen Infektion“, um an der von allen gepriesenen – weil angeblich leistungssteigernden – Konkurrenz um einen Platz in der Nationalmannschaft nicht teilnehmen zu müssen. Wenige Wochen später legte er sich auf eine Bahngleis, um alle Infektionen endgültig loszuwerden.
Hier soll keine Erklärung seines Todesurteils gegen sich selbst gemacht worden sein. Ich wollte einen Aspekt zeigen, den die meisten Berichterstatter vernachlässigen. Die „schönste Nebensache der Welt“ – Fussball – präsentiert so ziemlich jede Misere des bürgerlichen Lebens und auch die netteren Vertreter des Sports zeigen eine beachtliche Ignoranz gegen die ganz normalen Bedingungen.
Die großspurigen Ankündigungen, der Fussball solle nach Robert Enkes Selbstmord ein frohes, friedliches, respektvolles Spiel sein, wird jeden Tag von der Praxis der Akteure, Spieler, Manager und Funktionäre widerlegt. Das ständige – im (post-)industriellen Alltag notwendig dazugehörende – Minus-Gefühl der Leute wird im Fussball mitnichten aufgefangen, es ist die Grundlage des Geschäfts damit.
Auch viele linke Beobachter geben sich nicht die Mühe, grundsätzliche Bedingungen des Fussballs zu betrachten, oder die zum Himmel stinkende Heuchelei zu verstehen, sondern sie machen mit, indem sie liebevolle Tipps und Anregungen geben für rücksichtsvolleren Umgang mit Schwulen, Frauen, Ausländern, Armen, Alten, Depressionen im Fussball und stilisieren sich zu Rettern eines von Grund auf miesen Geschäfts. Mein Fussball sieht anders aus.

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