Wenn die Seele brennt: Burnout und der Angriff auf das gute Leben

von: Udo, Harald, Rosvita und Esmeralda

„Die Diagnose Burnout ist zu einem Medienereignis geworden“. „Burnout auf dem Vormarsch“. „Burnout als neue Volkskrankheit“ – so oder so ähnlich lauten die Titel aktueller Meldungen aus der Presse. Hierbei verpasst man es auch nicht, auf die wirtschaftlichen Schäden zu verweisen, die dieses neuartige Phänomen zu verantworten habe – die Rede ist von vielen Milliarden Euro, die der Wirtschaft aufgrund von Fehltagen jährlich durch die Lappen gehen.

Doch worum handelt es sich beim Phänomen Burnout? Welche Rolle wird den Einzelnen bei dessen Bewältigung oder im Bezug auf Prävention zugedacht? Wer ist überhaupt betroffen? Was bedeutet Burnout jenseits medizinisch – psychologischer Diagnosen?

Diesen Fragen widmet sich der folgende Text aus einer diskursanalytischen Perspektive. Hierzu wurden die – aus unsrer Sicht – wichtigsten Diskursstränge aus Print- und Onlinemedien herausgearbeitet. Analysiert wurden Texte über einen Zeitraum des letzten Jahres aus der Zeit, der Frankfurter Rundschau, der Frankfurter Allgemeinen, dem Spiegel, dem Focus, den Internetforen Netdoctor, Medinet und anderen.

1.

In entsprechenden aktuellen Leitartikeln1 zu diesem Thema wird immer wieder darauf hingewiesen, dass die Frage, ob von Burnout als psychiatrischer Diagnose gesprochen werden könne, unter Expert*innen höchst umstritten sei. So sei etwa unklar, ob und – wenn ja – inwiefern sich Burnout vom Krankheitsbild klinischer Depression unterscheiden lasse und was die spezifischen Symptome dieses Syndroms seien. Aus diesem Grund sah sich die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) dazu veranlasst, ein Positionspapier zu verfassen, um zu einer „Versachlichung“ der Debatte beizutragen2. Hierin wird vor dem unwissenschaftlichen Gebrauch des Begriffs Burnout gewarnt und gleichzeitig die Praxis kritisiert, diesen als Sammelbegriff für all jene psychischen Störungen zu gebrauchen, die im Zusammenhang mit der Arbeitswelt stünden.

Ungeachtet der Frage, ob Burnout aus Expert*innensicht als eigenständige Krankheit angesehen werden kann oder nicht, lässt sich die Reaktion der DGPPN auf die mediale Burnout – Debatte als Versuch verstehen, einen Beitrag zu ihrer Vereinheitlichung zu liefern. Die Tatsache, dass die DGPPN und entsprechende mediale Diskurse hierin eine Notwendigkeit sehen, kennzeichnet ein Spezifikum des Burnout-Diskurses: Der Begriff Burnout bleibt unterbestimmt. Denn Burnout ist tatsächlich mehr als bloße psychische Krankheit oder medizinische Diagnose: Mit Burnout verbinden sich ein kulturelles Phänomen, eine individuelle Leidensgeschichte, falsches ökonomisches Handeln, neoliberale Verhältnisse und vieles Andere.

Diese gewisse inhaltliche Leere des Burnout-Diskurses scheint nun gerade sein Charakteristikum zu sein. Als leerer Signifikant lässt der Burnout-Diskurs unterschiedliche Deutungen zu. Unter Diskurs wollen wir mit Foucault einen Prozess verstehen, innerhalb dessen in einem Themenfeld mit unterschiedlichen Praktiken unterschiedliche Aussagen gruppiert und ins Verhältnis zueinander gesetzt werden, wodurch Wahrheit(en) produziert werden. Gerade weil jeder Diskurs ein dynamisches Kräftefeld bezeichnet, wirken solche diskursiven Interventionen wie die des DGPPN richtungsbestimmend.

Um nun den Diskurs um das Phänomen Burnout zu analysieren, ist es aus unsrer Perspektive wichtig, den Fokus weniger auf die Ergebnisse diskursiver Aushandlungen, sondern vielmehr auf Prozesse und gesellschaftliche Bedingungen zu legen, innerhalb derer Diskurse entstehen. Einerseits heißt dies, nach den unterschiedlichen Interventionen der Vereinheitlichung und ihrer Absatzbewegungen untereinander zu fragen. Andererseits ist das gemeinsame Außen dieser Interventionen zu bestimmen, also nach dem scheinbar Unhinterfragten und nicht Thematisierten innerhalb eines Diskurses zu suchen.

2.

Medial wird Burnout durch eine überbordende Anzahl an psychischen, sozialen und somatischen Symptomen gekennzeichnet: Nervosität, Schweißausbrüche, Zittern, unbestimmte Bauch-, Kopf- und Gliederschmerzen, Verdauungsprobleme, Gedächtnisverlust, plötzliche Angstanfälle, soziale Vereinsamung, Erschöpfung, Lust- und Motivationsverlust bis hin zu Suizidgedanken und einige mehr. Begleitet würden diese Leiden häufig von Versagensängsten und einer allgemeinen Sinnkrise3.

Spekulationen darüber, welche Ursache diesen Leiden zugrunde liegen, sind ebenso vielfältig: So könnten komplexe Rollenerwartungen, Sozialisationserfahrungen, innere Überzeugungen und biologische Dispositionen, überfordernde Leistungserwartungen von Vorgesetzten, Kolleg*innen und Kund*innen gepaart mit Perfektionismus, übertriebener Empathiefähigkeit und unrealistischen Zielvorstellungen die Entstehung eines Burnouts begünstigen4.

Evolutionärer Burnout

Die Wahrscheinlichkeit, einem Burnout zu entgehen, hinge von der Fähigkeit des Gehirns ab, Stresshormone schnell abbauen zu können. Hierbei wird mit dem evolutionsbiologischen Theorem operiert, das davon ausgeht, dass der Mensch einen biologisch-neuronalen Apparat entwickelt habe, der gelernt habe, instinktiv lebensbedrohliche Situationen zu erkennen und hormonelle Reaktionen zu zeigen: „Es ist ein Erbe der Steinzeit, dafür konstruiert, blitzschnell auf die akute Bedrohung durch eine angreifende Säbelzahnkatze zu reagieren“5. Weil Säbelzahnkatzen heutzutage selten geworden sind, seien Reaktionen à la Flucht oder Kampf nicht mehr zeitgemäß und der Körper bekäme unter Umständen Probleme, Stresshormone schnell wieder abzubauen, was die Entstehung einiger Burnout – Symptome begünstige.

Auch Du kannst … Burnout

Auch wenn die Chancen auf Burnout unterschiedlich verteilt sind, wird Burnout bereits als ‚Volksleiden‘ bezeichnet6, das potentiell jede*n treffen könne. Es wird sogar soweit gegangen, einen neuen Typus Mensch auszurufen: „Der erschöpfte Mensch ersetzt den gebrechlichen“7. Allerdings gilt bei diesem ‚Volksleiden‘ nicht jeder Bevölkerungsgruppe dieselbe Aufmerksamkeit: Standen zunächst Pädagog*innen und Sozialarbeiter*innen im Fokus, die statistisch die größte ‚Risikogruppe’ stellen8, so richtete sich in den letzten Jahren die mediale Aufmerksamkeit zusehends auf Prominente und sogenannte ‚Leistungsträger‘ (Sportler*innen, Bankangestellte, Manager*innen, Professor*innen). Gleichzeitig hat sich um die zwar nicht einheitlich definierte, aber inflationär genutzte Diagnose Burnout herum eine ganze Industrie entwickelt, die versucht, durch Beratung, Therapie und Entspannungsdienstleistungen präventive und therapeutische Dienste zu verkaufen.

3.

So unterschiedlich die konkreten Beschwerden im Rahmen einer Burnout-Diagnose sind, so bemerkenswert ähnlich und verblüffend sind doch die empfohlenen Präventionsstrategien. Einerseits rufen Politik und Expert*innen zu verstärktem Gesundheitsmanagement in den Betrieben auf. Andererseits wird in doppelter Weise an die Einzelnen appelliert: Erstens soll Burnout als psychiatrisch und psychotherapeutisch behandlungsbedürftiges Problem anerkannt werden. Zweitens wird denjenigen, die unter Burnout leiden, ein besonders problematisches Selbstverhältnis attestiert. Es wird suggeriert, dass sie zu wenig über sich wüssten und nicht achtsam genug mit sich umgingen. Gelungene Burnoutprävention würde auf individueller Ebene demgemäß darin bestehen, durch geeignete Verfahren der Introspektion „das Bild zu entdecken, das unserem wahren Wesen entspricht“9. Auf diese Weise könne das Individuum die passgenauen Strategien entwickeln, um einen Umgang mit Anforderungen zu entwickeln, die in Form von Stress drohen, es aus dem Gleichgewicht zu bringen: Die Erkenntnis ungünstiger biologischer Dispositionen kann zu der Entscheidung führen, regelmäßig Sport zu treiben, um Stresshormone besser abbauen zu können. Überzogener Empathiefähigkeit kann das Wissen um die eigenen emotionalen Grenzen entgegen gesetzt werden, um sich gegen Ansprüche von anderen behaupten zu können. Die Selbsteinschätzung als Perfektionist*in kann dazu führen, Einstellungsänderungen vorzunehmen und fünfe mal gerade sein zu lassen.

Für die Änderungsversuche der eigenen Persönlichkeit stehen eine Vielzahl von Einrichtungen und Expert*innen bereit: Wellnessanlagen, Psychotherapeut*innen, Sanatorien, Berater*innen, Pastor*innen usw. Diese sollen dem ‚beschädigten‘ Individuum bei der Suche nach dem wahren Selbst zur Seite stehen. Ziel der verschiedenen Angebote und Maßnahmen scheint eine rationale, also planmäßige Entwicklung der geeigneten Folgeschritte in der ‚Genesung‘ der Einzelnen zu sein. In letzter Konsequenz besteht das Ziel offenkundig darin, der eigenen (Lohnarbeits-)Tätigkeit wieder einen spezifischen Sinn zu verleihen, der nun auch noch eine innere Verbindung zum wahren Selbst unterhält. Burnout verbrennt also nicht nur die Seele, sondern auch den Sinn und hinterlässt letztlich Langeweile. Um den Sinn wieder herzustellen, scheint nur die Rückbesinnung auf das bereits Bestehende zu bleiben: die Rückbesinnung auf „sich selbst“, auf das, was mensch „eigentlich“ will usw. Mit der Langeweile geht nicht nur die Neugier, sondern auch die Erfahrung verloren, dass das Leiden nicht durch eine abstrakte und rationalisierte Sinnsuche, sondern nur durch eine veränderte Lebens- und Arbeitspraxis verhindert werden kann.

Der Diskurs um Burnout bekommt hier einen eigensinnig ambivalenten Charakter: Zwar werden Menschen mit Burnout nicht für die Situation verantwortlich gemacht, in welcher sie augenblicklich stecken. Gleichwohl werden sie aber dafür verantwortlich erklärt, autonom Maßnahmen zu entwickeln, die sie entweder gar nicht eine solche Situation geraten lassen oder sie aus ihr wieder hinausführen, was in Anbetracht kapitalistischer Zustände an das münchhausensche Problem, sich an den eigenen Haaren aus dem Wasser zu ziehen, erinnert.

Dazu bleibt völlig unterbelichtet, dass die wenigsten tatsächlich die Ressourcen besitzen, die ihnen ermöglichen, die geforderte Arbeit am Selbst leisten zu können. Somit steht auch im Mittelpunkt des Burnout-Diskurses nicht die polnische Nanny, die gleichzeitig in drei Haushalten in der BRD illegal arbeitet und ständig zwischen zwei Welten hin- und herpendelt. Die Folie, auf deren Hintergrund die selbsttätige Sorge um sich eingefordert wird, ist die des bürgerlichen weißen Mannes, dessen Ressourcen diese Sorge überhaupt erst ermöglichen. Dennoch wird pauschal von Einzelnen abverlangt, in einer spezifischen Art und Weise an sich zu arbeiten. Während diese Maßnahmen dazu beitragen sollen, dass die Individuen lernen, ihre Sinnkrise zu überwinden, implizieren sie aber auch den Imperativ: Erkenne dich selbst und entwickele ein Verhalten, das einem Burnout so effizient wie möglich vorbeugt: Funktioniere!

Diese Art des Selbstmanagements ist damit mitnichten das Gegenteil dessen, was es zu bekämpfen suggeriert – der Diskurs um Burnout basiert selbst auf dem Bild eines Menschen der bereit und fähig ist, sich beständig selbst auseinander und zusammen zu bauen.

Und während die geschundenen Seelen auf der Yogamatte einen Weg zu „sich selbst“ suchen, verspricht das Diagnostizieren eines Burnouts als individuelle Krankheit gleichsam Heilung auch für die krisengeschüttelte Gesellschaft, deren Verunsicherung über die Entwicklungen der letzten Jahre nach handhabbaren Erklärungen ruft. Wer über Burnout spricht und dabei kulturkritisch das überzogene Tempo der Moderne bemängelt, spricht eben nicht über den alltäglichen Wahnsinn des kapitalistischen Normalvollzugs, die Absurdität der Produktionsweise (die in der Tat krank macht) – und spinnt damit weiter an dem Mythos, dass es sich lohnen würde, daran noch irgendetwas zu reformieren. Der Diskurs um Burnout ist aus dieser Perspektive auch einer der Normalisierung und der Einhegung dessen, was nicht gesagt werden kann. Anstatt also die Frage nach den Bedingungen für ein gutes Leben möglich zu machen, bietet der Burnoutdiskurs individualisierte Antworten, um direkten körperlichen und seelischen Verletzungen entgegenzuwirken, die jedoch kontinuierlich gesellschaftlich hergestellt werden. Indem  Strategien verwandt werden, die versprechen, Burnout erfolgreich zu  begegnen, errichten diese Strategien gleichsam ein neues  Bedrohungsszenario: Wer aufhört, diese Techniken der Selbstbearbeitung  zu verwenden, dem_der droht der Rückfall in den Burnout.

1 Nachzulesen beispielsweise im Spiegel vom 14.06.2012: „Burnout. Feuerwehr mit Verspätung“ von Eva Buchholz und Klaus Werle.

3 Einschlägige medizinische Internetportale wie netdoktor.de

(http://www.netdoktor.de/Krankheiten/Burnout/Wissen/Burnout-die-Phasen-10758.html) oder qualimedic.de (http://www.qualimedic.de/burn-out-syndrom.html) bieten ausführliche Informationen zu Symptomen und typischen Verlaufsphasen eines Burnout – Syndroms.

4 Unter http://www.netdoktor.de/Krankheiten/Burnout/Ursachen/ finden sich weitere Ursachen, die im Zusammenhang mit der Entstehung eines Burnouts diskutiert werden.

5 Siehe Spiegel 4/2011: „Volk der Erschöpften“ von Markus Dettmer, Samiha Shafy und Janko Tietz

6 Dies tut beispielsweise der BR in einem Clip zum Thema „Volksleiden Burnout“, abrufbar unter http://www.br.de/fernsehen/bayerisches-fernsehen/sendungen/gesundheit/themenuebersicht/psyche/burnout106.html.

7 Siehe Spiegel 4/2011: „Volk der Erschöpften“

8 siehe Focus 48/2011: „Erschöpft oder schon depressiv?“ von Ulrike Bartholomäus et al.

9 siehe FAZ vom 24.04.2012: „Macht Arbeit selig?“ von Pater Anselm Grün

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Ein Kommentar

  1. Bernd

    Gute Zusammenfassung der Diskussion!

    Da fallen mir zwei Sachen ein: Neckel, S. (2013). Leistung und Erschöpfung : Burnout in der Wettbewerbsgesellschaft (Orig.-Ausg., dt. Erstausg., 1. Aufl. ed.). Berlin: Suhrkamp.
    Ein kleiner Sammelband zum Thema

    Und: Gruen, A. (2008). Der Verrat am Selbst : Die Angst vor Autonomie bei Mann und Frau (Vom Autor durchges. Ausg., 19. Aufl. ed.). München: Dt. Taschenbuch-Verl.
    Wo er ziemlich gut die Diskrepanz zwischen dem gesellschaftlich hervorgebrachten Leiden und unserer Psyche zeichnet.

    Besten Gruß!

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